Es wurde insgesamt viel Aufhebens um Philipp Felschs Rekonstruktion der Theoriegeschichte gemacht – und zu Recht, denn es gelingt ihm auf eindringliche Weise, den allgemeinen Trend einer keinesfalls zu unterschätzenden Perspektivenverschiebung nicht nur als abstraktes Postulat, sondern als konkretes Erleben nachzuvollziehen. Anhand der Biografien der Protagonist_innen des Berliner Merve Verlags, vor allem also Peter Gente und Heidi Paris, findet man sich zunächst in der Aufbruchsstimmung der Studentenbewegung und ihrem harten Theoriejargon der marxistischen Dialektik wieder. Die Radikalisierung, die sich – in der Theorie vorweggenommen – bis in die RAF fortsetzte, nährte zugleich das Unbehagen an deren Wahrheitsanspruch. In diese Zeit der 1970er‑Jahre fiel eine Orientierungslosigkeit, deren Vakuum der „begeisterte Leser und unfähige Schreiber“ (119) Gente mit seinem im Aufbau befindlichen Verlagsprogramm zu füllen wusste. Denn „aus Paris kam ein neues Denken nach Deutschland, das mit dem Sound der Dialektik brach. Die Bücher von Deleuze oder Baudrillard […] schienen wichtigere Aufgaben zu haben, als wahr zu sein“ (13). Der Merve Verlag nahm diese Strömung gekonnt auf und über kurze Umwege des italienischen Operaismus, als letztes Versprechen radikaler Politik, kam man so auf beispielsweise Foucaults und Deleuzes mikropolitische Interventionen. Diese passten sowohl in die ausgefallenen Formate und Layouts des Verlags als auch in die sich verändernde Landschaft der Intellektuellen, die thematisch von der Revolution zur subversiven Geste gewechselt hatten. Die Reskalierung der Maßverhältnisse des Politischen (Lyotard) verhalf zu einer Ethik der Intensität (Deleuze) und brachte neue Ikonen der Spontibewegung (Foucault) mit sich. Dieser Rückzug aus dem Großkampfplatz der Politik führte die Linken in den Eskapismus und später in die resignative Kneipenexistenz, die Theorie in die Selbstreflexion ihrer Textlichkeit oder zur Kunst und die Geschichte ihrem vielbeschworenen Ende zu. In all dem finden sich Gente und Paris als Protokollanten einer Epoche ebenso wieder wie als deren Nutznießer, die der Theorielandschaft bis in ihre Verselbstständigung zum Unsinn ein erfolgreiches Verkaufsmodell zur Seite stellten. Inwiefern dieses Phänomen Merve damit wirklich als Symptom einer geschichtlich‑gesellschaftlichen Entwicklung zu betrachten ist, lässt Felsch aber leider unberührt, so als hätte sich dort zufällig eine Verbindung ergeben. Das ist zugleich das größte Manko seiner Abhandlung, die tatsächlich eine bestechende Geschichte darüber erzählen kann, wie es alles so gewesen ist im „langen Sommer der Theorie“ – ohne dabei zu fragen, warum es eigentlich so gewesen ist. Aber genau in dem Punkt ist Felschs Buch selbst ein Symptom der Geschichte, die es erzählt.

 

Philipp Felsch 2015: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990. München: C. H. Beck.

von Alex Struwe
Der Beitrag erschien zuerst auf Portal für Politikwissenschaft, URL: http://www.pw-portal.de/rezension/38773-der-lange-sommer-der-theorie_47146