Was soll Theorie leisten?

Auf einem sehr grundlegenden Niveau ist Theorie banal. Sie ist jene Systematik, vor deren Hintergrund zusammenhängende Annahmen über Gegenstände erst möglich werden. Eine ganz einfache Operation der Abstraktion, die es ermöglicht, nicht vor jedem Phänomen wie vor einer Offenbarung zu stehen. In genau dieser systematisierenden Funktion ist sie Mittel der Wahl zur Welterklärung. Dabei ist das Abstraktionsniveau jedoch bedeutend höher als in der Alltagstheorie und erzeugt entsprechend ein grundlegendes Problem. Führt die Abstraktion dorthin, dass sie gewissermaßen blind wird für ihren konkreten Gegenstand, ist sie nur leerer Begriff. Diese Tendenz ist das, was Marx als Idealismus brandmarkte und dem eine materialistische Anschauung entgegensetze, aus der sich mindestens eine 100 Jahre währende Tradition der Auseinandersetzung um das Verhältnis von Abstraktion und Konkretion entspann.

Im Falle der Gesellschaftstheorie ist es mittlerweile ein Allgemeinplatz, dass die theoretische Erkenntnis der Gesellschaft sich auf die Anerkennung ihrer Überkomplexität beschränkt. Die Zeit der großen Theorie ist vorbei. Wie beispielsweise Terry Eagleton resümiert, ist das sinkende Skalenniveau der Theoriebildung selbstverständlich Reflexion eines gesellschaftlichen Wandels,[1] einer Veränderung, wie Kluge und Negt sagen würden, der Maßverhältnisse des Politischen, dem Ende der großen Erzählungen. Das mag sein, aber es benennt lediglich eine Entwicklung, womit sich nicht automatisch der Status der Theorie klärt, ihr Anspruch, ihre Leistungsfähigkeit und ihre Aufgabe. Darin zeigt sich auch, dass es nicht einfach nur ein gescheitertes Abstraktionsverhältnis ist, das den Zustand der Theorie bestimmt. Damit zusammenhängend drückt sich mindestens das problematische Verhältnis der Theorie zur gesellschaftlichen Wirklichkeit aus, das sich nicht zuletzt bei den Subjekten selbst in deren Denken niederschlägt.

 

Theorieprobleme

 

Es kann, gerade in der Rückbindung an ihre Entwicklung, problematisiert werden, in welchem Zustand sich die Theorie gerade befindet. Dafür schlage ich drei grundlegende Probleme der Theoriebildung vor, die sich gerade deshalb ergeben, weil sie den Kern der Aufgabe der Gesellschaftstheorie betreffen:

Universalismus – Abstraktion ist nicht nur Mittel der Theorie, sondern zugleich deren größtes Problem. Es gibt unzählige Benennungen dieser potentiellen Verfehlung: Theoretizismus, Idealismus, Reduktionismus, Determinismus, Metaphysik etc. Eine Spielart der Auseinandersetzung um dieses Problem beschreibt der Theorie-Praxis-Nexus, der vor allem für eine gesellschaftliche Linke immer wieder Anlass zu Verwerfungen ist. Die Auseinandersetzung um das Maß an Abstraktion betrifft epistemologisch direkt die Erkenntnisfähigkeit der Theorie, ontologisch ihre Anerkennung einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die Gegenstand der Erkenntnis sein soll.

Praktischer/politischer Auftrag – Damit zusammenhängend ist die Frage nach dem praktischen Status der Theorie selbst und ihrer Rolle als Erkenntnisinstrument. Ein emanzipatorischer Anspruch bedeutet die erkennende Kritik der bestehenden Verhältnisse, um diese verändern zu können. Dabei wird diese Frage in den letzten Jahrzehnten oft auf den normativen Status der Theorie verengt und in der Annahme, Theorie sei immer subjektiv beschränkt, von ihr Rechenschaft gegenüber ihrem voreingenommenen Blickwinkel verlangt. Aber eben nicht, um sie an ihre Richtigkeit zu verweisen, sondern um sie zu relativieren. Fragen um den Objektivitätsanspruch der Theorie werden vor diesem Hintergrund kaum mehr artikulierbar, was zugleich als deren politischer Charakter im Sinne eines formalen demokratischen Nebeneinanders missverstanden wird.

Selbstreflexion des denkenden Bewusstseins – Dies bezeugt aber das dritte Problem und zugleich Anliegen der Theorie: Ihre Fähigkeit, die Produkte ihrer eigenen Systematik an jene Instanz zu vermitteln, die sie prägen. Verkürzt findet diese Problematik Eingang in subjekttheoretischen Überlegungen der letzten Jahrzehnte, ist aber eigentlich Gegenstand der Ideologietheorie. Die Aufgabe, das Denken müsse gegenüber seiner Verquickung innerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse Rechenschaft ablegen galt damit als Atavismus, bezeugt aber seine Dringlichkeit in der intellektuellen Hilflosigkeit gegen die gesellschaftliche Regression.

 

Theoriezustände

 

Der problematische Zustand der Gesellschaftstheorie lässt sich entsprechend dieser drei Problemlagen kennzeichnen als eine Begrenzung der theoretischen Reichweite, die Entkopplung der Theorie von der gesellschaftlichen Wirklichkeit und die Tendenz zur idealistischen Selbstreferenz. Selbstverständlich sind diese Phänomene eng gekoppelt, auch wenn sie in ihrer disziplinären Aufgliederung in Sozialtheorie, politischer Theorie und Subjekttheorie sowie zudem noch in Gegenstände verschiedener Sozialwissenschaften zerfallen. Es handelt sich schlicht um einen symptomatischen Zusammenhang, der sich schon allein aus dem Unterfangen der Gesellschaftstheorie herstellt.

Einer symptomatischen Diagnose entsprechend prägt die Theorielandschaft ein Zustand latenter Depression. Etwa analog zur Diagnose von Mark Fisher, Popkultur habe ihren visionären Charakterzug zugunsten einer beständigen Reproduktion der immer gleichen nostalgischen Versatzstücke eingebüßt, lässt sich eine vergleichbare Apathie der Theorie feststellen. Zu dieser gehört eine gewisse Ambivalenz zwischen einer manischen Überproduktion und einer resignativen Erstarrung. Einerseits sind der Buchmarkt und die Feuilletons voll mit Krisendiagnosen, Analysen zum Scheitern des Kapitalismus und der gesellschaftlichen Regression, mit Perspektivüberlegungen und Manifesten. Zugleich richtet sich die Theorie in ihrer eigenen Musealisierung zur akuten Bedeutungslosigkeit ein. Unabhängig wie präsent sie wieder zu sein scheint, hat sie wenig mehr zu bieten als dekontextualisierte Würdigungen isolierter Denkgebäude – Marx als Klassiker der Soziologie, Philosophie etc., die intellektuelle Variante der bürgerlich-revolutionsromantischen Kitschverfilmung eines jungen Marx –, Innovationen im Jargon zur Beschreibung von Gesellschaft oder die Verkürzung von Theorie auf Phrasen und Marxzitate.

Man könnte meinen, diese Erstarrung sei Ausdruck einer Erkenntnissättigung, ähnlich wie Diedrich Diederichsen in einem Interview beiläufig feststellte, dass von linker Seite bereits alles gesagt sei, dass der aufklärerische Impuls sich gewissermaßen im endlosen Debattenmodus verausgabt habe.[2] Die aktuelle Publikationswelle könne dann diesen Wiederholungsgestus der festen Erkenntnisse bedienen, immer wieder auf die wichtigen Zusammenhänge hinweisen, bis sie endlich Durchschlagskraft entfalten würden. Die darin antizipierte, vermeintliche Spitze der emanzipatorischen Erkenntnis, die daran scheitere, dass sie einfach nur nicht gewürdigt werde, steht jedoch in scharfem Kontrast zu der politischen Marginalisierung der gesellschaftlichen Linken sowie der seltsamen Erkenntnislosigkeit der vorliegenden Analysen.

Von Depression zu sprechen soll aber vielmehr die tragische Abwesenheit jener Erkenntnisfähigkeit anzeigen, die sich sich in den verschiedenen Dimensionen der Theorie hergestellt hat und die theoretisch selbst unbearbeitet bleibt. All die Zeit ist vergangen und die Theorie besitzt immer noch nicht die Reichweite, die Realität, die Selbsterkenntnis. Und es bleibt kaum ein anderer Weg als der in die narzisstische Neurose, die man nicht nur bei einzelnen TheorievertreterInnen finden kann, sondern die sich auch in der Theorie im Allgemeinen ausbildet. Der akademische Betrieb, der die Theorieproduktion größtenteils beherbergt, ist geprägt von einem ständigen Innovationsdruck mit entsprechender Wettbewerbsdynamik für die bis an die unteren Grenzen der Prekarität gedrängten Wissenschaftssubjekte. Man muss nur einmal auf einer wissenschaftlichen Tagung jene Wohlfühlatmosphäre mit einer Nachfrage zur realen Relevanz der vorgestellten Forschungsprojekte antasten, um zu bemerken, wie viel Kränkung und Abwehr gegen die gleiche in der Theoriearbeit verquickt ist.

Identifiziert man die Belanglosigkeit der Arbeit – für das gemeinhin das Gütesiegel interessant verliehen wird – als eine Art Überlebensstrategie innerhalb der politischen Ökonomie der Universität, so ist es wenig verwunderlich, dass die Produktionsbedingungen dergleichen reproduziert werden müssen, was sich real mit jedem neuen Exzellenzcluster und Graduiertenkolleg mit interdisziplinärem Hang zum kulturwissenschaftlichen Nonsens vollzieht, mit jedem Kopfschütteln über den befremdlichen Erkenntnisanspruch des Marxismus. Die Banalität jener hippen Kulturforschung, die sich einen subversiven Anstrich mittels einer inflationären Politisierung aller ihrer Gegenstände verleiht – was, wie Michael Hirsch feststellt, tatsächlich nur der Ästhetisierung der Politik gleichkommt[3] –, und die Phrasengebetsmühle undogmatisch linker Theorie sind nur die zwei Seiten derselben Medaille jenes Zustands der Theorie, über den sie selbst keine Auskunft geben zu können scheint.

 

Was (soll Theorie) tun?

 

Das bloße Anliegen einer Problematisierung der Gesellschaftstheorie muss klarstellen, dass diese nicht zum Selbstzweck betrachtet wird. Es geht weder um die Selbsterhaltung einer im Verschwinden bedrohten Disziplin, noch um den nostalgischen Reflex eines Vulgärmarxismus. Tatsächlich, damit eine Kritik nicht zum Jammern verkommt, liegt dem die berechtigte Annahme zugrunde, es gibt ein reales Problem, auf das Gesellschaftstheorie die Antwort ist. Genaugenommen transportiert sich im derzeitigen Zustand der Theorie das Eingeständnis an die Verfehlung der Theorie in ihrer eigenen Aufgabe. Diese ist: die wissenschaftliche Erkenntnis der Gesellschaft.

Die wissenschaftliche Erkenntnis der Gesellschaft, ihr Objektbereich, deutet auf einen Totalitätsbegriff hin, der sich historisch in dem Dilemma zwischen Notwendigkeit und Unmöglichkeit eingerichtet zu haben scheint. Schon der Begriff der Gesellschaft markiert aber die Annahme eines kohärenten Zusammenhangs der disparaten Einzelphänomene, der vor der historischen Veränderbarkeit und Veränderung der sozialen Realität Rechenschaft ablegen muss. Theorie, im Sinne der systematischen Durchdringung des Bestehenden, kann sich nicht in der Feststellung der Veränderung erschöpfen, sie muss vielmehr auf die Erklärung der spezifischen Veränderung abzielen.

Die wissenschaftliche Erkenntnis der Gesellschaft bedeutet zudem eine Spezifik der Erkenntnis. Als wissenschaftlich qualifiziert, muss sie Objektivität genügen, die sich gerade vor dem Hintergrund einer ontologischen Kontingenzannahme des Sozialen immer schwerer umreißen lässt. Die Idee, dass die historische Veränderbarkeit der Gesellschaft deren fundamentale Substanzlosigkeit bezeugen soll, muss zugunsten einer Erkenntnis des Bestehenden zurückgewiesen werden. Zu belegen, dass dies nicht gleichbedeutend ist mit einem Fundamentalismus, anthropologischen Setzungen, Essentialismus etc., ist nicht die erste Pflicht einer wissenschaftlichen Theorie, die sich in solcherlei Beteuerung und Abwehr nur bis zum intellektuellen Verlierer erschöpft.

Die wissenschaftliche Erkenntnis der Gesellschaft verweist zuletzt auf den distinkten Zusammenhang zwischen der Annahme einer bestimmten sozialen Realität und der korrespondierenden Bearbeitung dieser als Erkenntnisobjekt. Auch dies bedeutet nicht die Fantasie einer Deckungsgleichheit von Erkenntnisobjekt und Realobjekt, sondern lediglich deren kohärentes Verhältnis, welches wiederum nur über die Annahme eines geteilten gesellschaftlichen Zusammenhangs verbindlich herzustellen ist, sprich eine Totalitätsannahme.

 

Damit sind drei Elemente einer Theorie der Gesellschaft angezeigt, die sich der genuinen theoretischen Aufgabe jenseits der zeitgenössischen Selbstbeschränkungen stellen kann. Eine solche Theorie bedarf eines Totalitätsbegriffs, dessen Historisierung sowie, als entscheidendem Moment, eines Determinationsbegriffs. Dass diese Elemente gleichzeitig die großen Errungenschaften materialistischer Theoriebildung darstellen, soll nicht der rückwirkenden Glorifizierung dienen, sondern der realen Problemerkenntnis, dass es bereits die Tradition einer Bemühung um jene gesellschaftstheoretische Aufgabe gab, deren Ergebnisse bis heute uneingeholt bleiben. Zumal es wenig von dem Versuch zu erkennen gibt, dieses Erkenntnisniveau einzuholen, vielmehr nur es insgesamt zu verwerfen.

Stünde dabei nur eine philosophische Geschmacksfrage auf dem Spiel, ein intellektuelles Kräftemessen, so wäre getrost auf derlei Hinweise zu verzichten. So es aber um eine gesellschaftlich relevante Aufgabe geht, können die Defizite derzeitiger Theoriebildung nicht einfach hingenommen werden. Gleichzeitig erweist sich die kritische Konfrontation mit anderen Theorieangeboten auf genau dieser Ebene als absolut nicht zweckdienlich. Dezidiert nicht-materialistischer Theoriebildung ist schwerlich überzeugend vorzuwerfen, dass sie nicht materialistisch ist. Es bleibt daher die Frage, ob sich jenen Gesellschaftstheorien, die sich praktisch nur in ihrem Scheitern oder ihrer Belanglosigkeit beweisen, eine in diesem Sinne bessere Theoriebildung in der Praxis gegenüberstellen muss, die sich nicht um die Anerkennung konkurrierender Theorieangebote schert.

 

von Alex Struwe

 

[1] Vgl. Eagleton, Terry 2003: After Theory. New York: Basic Books, 15.

[2] Vgl. Diederichsen, Diedrich 2016: „Heute sind viel mehr Leute als ‚Rechte‘ out“. In: Jungle World 25/2016, URL: http://jungle-world.com/artikel/2016/25/54310.html.

[3] Vgl. Hirsch, Michael 2015: Logik der Unterscheidung. Zehn Thesen zu Kunst und Politik. Hamburg: Textem, 10.

Ein Gedanke zu „Was soll Theorie leisten?

  1. Der Reihe nach:

    1. “Diese Tendenz [zur abstrakten Theorie ohne Gegenstandsbezug] ist das, was Marx als Idealismus brandmarkte und dem eine materialistische Anschauung entgegensetze”.

    Wo? Ich denke, gemeint sind die Feuerbachthesen. Doch ist es wirklich die Geißelung der Abstraktion, die dort passiert? Und wenn es so ist, müsste sich dann 150 Jahre später dieser Zusammenhang nicht anders und besser, ohne Rekurrieren auf die Autorität von Marx rekonstruieren lassen? Wäre das nicht viel wissenschaftlicher, als die Traditionspflege?

    2. “Die Zeit der großen Theorie ist vorbei.” Ich glaube, dieses Statement ist in seiner Ungenauigkeit nicht ganz richtig. Die Theorien sind heute größer und ausschweifender als zuvor, und es sind ihrer mehr an der Zahl. Viel eher vorbei ist die Zeit des bewussten Zusammenhangs von Theorie und Politik. Theorie muss implementiert werden, um Sinn zu haben. Das gefällt den Theoretikern von heute natürlich nicht, weil sie weder Interesse daran haben, implementiert zu werden noch ihre Theorien im ernsten dazu bereit wären. Was wäre das für eine Welt, in der ernsthaft ein Zizek implementiert werden würde?

    3. Die Verbindung von Universalismus und Abstraktion ist nicht klar dargestellt.

    4. Theorie ist kein Erkenntnisinstrument. Eine bestimmte Theorie kann ein Instrument dafür sein, ein bestimmtes Phänomen zu erkennen, aber Theorie im unbestimmten Singular hat keine besondere Bedeutung. Bzw. genauer ausgedrückt: Es lässt sich Geschichte wohl so darstellen, als gäbe es Theorie an sich. Was sollte aber damit ausgedrückt sein als eine abstrakte Hoffnung auf das gute Leben, dass durch Theorie (irgendeine Theorie) irgendwie erreicht werden soll. Das ist unspezifisch, zu unspezifisch für die Gegenwart. Theorie kann, aber sollte nicht in diesem Singular benutzt werden.

    Kennzeichnend für dieses Problem ist auch die Existenz eines Studienganges namens “Politische Theorie”. Was damit ja ganz effektiv gemeint ist, ist ein Studium über verschiedene Theorien im Plural, die, relativ frei wählbar, kombiniert werden können und jeweils relativ beliebig irgendwas mit Politik zu tun haben. Mit “Politische Theorie” ist ja keineswegs – leider – die EINE Theorie DER Politik gemeint, ist nie gemeint, welchen evolutionären Sinn Politik in der Menschheit hat, an welchem Punkt sie entsteht, warum, und wie sich diese Entstehung zu den Problemen der Lebensart der Menschen verhält.

    5. Die Selbstreflexion ist zwar ein Gütekriterium an die Theorie, führt an sich aber auch nirgendwohin außer zu dem guten Gefühl, mehr recht zu haben.

    6. “Der problematische Zustand der Gesellschaftstheorie lässt sich entsprechend dieser drei Problemlagen kennzeichnen als eine Begrenzung der theoretischen Reichweite, die Entkopplung der Theorie von der gesellschaftlichen Wirklichkeit und die Tendenz zur idealistischen Selbstreferenz. ” Das trifft zweifellos zu. Diese Diagnose erlöst aber nicht davon, zu rechtfertigen, warum mensch dennoch an der Gesellschaftstheorie festhält. Was wäre besser, wenn die Gesellschaftstheorie heute eine universale Reichweite, eine strikte gesellschaftspolitische Wirkung und eine nicht-idealistische, begründete Epistemologie vorweisen könnte? Und wenn etwas besser wäre: Wie ist dieser Zustand zu erreichen?

    7. Die Apathie, die Depression, der Kitsch (doch, Depression und Kitsch geht zusammen, schonmal linken Rap gehört?) – drei absolut richtige Diagnosen. Dennoch: kein Vergeben, denn: Obwohl sie es nicht böse meinen, nehmen die meisten doch wissentlich eine Verstopfung der Kanäle billigend in Kauf. Jede Niederlage wird zu einem Sieg erklärt, jeder Moment des Innehaltens vor der Machtlosigkeit wird mit einem neuen Band aus der Bibliothek des Widerstands zerbombt, jede vergeigte Demo noch mit Durchhalteparolen zugetextet, warum der Sieg nicht mehr weit sein kann. Die Theorie, so wie sie ist, ist damit leider auch nicht belanglos oder wirkungslos. Nur, sie zeigt keiner befriedigenden Wirkungen, und wenn sie das tut, nur zu hohem Preis.

    8. “Das bloße Anliegen einer Problematisierung der Gesellschaftstheorie muss klarstellen, dass diese nicht zum Selbstzweck betrachtet wird.” Realistisch betrachtet ist es unwahrscheinlich, dass es zu so einer solchen Selbstdisziplinierung kommt. Empirisch ist sogar das Gegenteil zu beobachten: Regelmäßig werden einstmals sehr ernste linke Leute gnadenlos in den Apparat der Theorie hineingemahlen, die subversiven Effekte oder die Erkenntnisse sind minimal. Die politische Herausforderung braucht eine wissenschaftliche Wendung, das ja, aber diese kann scheinbar nur explizit gegen die Wissenschaft erkämpft werden. Die Messung der bürgerlichen Gesellschaft an ihrem eigenen Begriff, wie das so schön heißt, ist abgefahren.

    9. Die Verteidigung des Versuchs zu objektiver Erkenntnis gegen Vorwürfe des Fundamentalismus ist richtig, aber schwach. Die Abwesenheit von Schmerz, ein gutes Leben, Respekt vor dem Subjekt, Menschenrecht, ja, alle diese Sachen sind anthropologische Setzungen, die sich nicht weiter logisch beweisen lassen. Der Fakt, dass sie erst im Kapitalismus zumindest rhetorisch als Universal gesetzt werden, bedeutet nicht, dass gerade diese Setzung einer kommunistischen Kritik ausgesetzt werden muss. Der Kommunismus nimmt manche seine Ideale aus der bürgerlichen Gesellschaft, so what? Es ist nicht so, als wüssten wir nicht die guten (z.B. Freiheit) von den schlechten (z.B. Familie) Idealen zu unterscheiden.

    10. “Damit sind drei Elemente einer Theorie der Gesellschaft angezeigt, die sich der genuinen theoretischen Aufgabe jenseits der zeitgenössischen Selbstbeschränkungen stellen kann. Eine solche Theorie bedarf eines Totalitätsbegriffs, dessen Historisierung sowie, als entscheidendem Moment, eines Determinationsbegriffs.” Ja und nein. Ja, das liegt nahe. Aber nein, es reicht nicht, den schlechten Zustand der Gesellschaftstheorie zu beschreiben, und ihr dann das Gegenteil zu verordnen. Sonst ist mensch wieder genau bei Feuerbach angelangt: Die Kritik des Falschen führt zum Richtigen, die Kritik des religiösen Gemüts führt zum wirklichen Gemüt. Das scheint nicht richtig zu sein.

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