Ontologischer Terror

Am 13. Januar 2017 nahm sich Mark Fisher das Leben. In der fortgeführten Reihe der bedeutenden sterbenden Persönlichkeiten nimmt sein Selbstmord eine gewisse tragische Sonderposition ein. Fisher litt Zeit seines bewussten Lebens an Depressionen und hatte sich in einer außerordentlichen Weigerungsgeste dagegen gewandt: Er schrieb gegen eine Individualisierung des gesellschaftlichen Elends an, gegen eine Kultur, […]

Materialistische Dialektik als Theorie der Gesellschaft

Die seit langer Zeit nur schwer wegzudenkende Präsenz des Marxismus in der Sozialwissenschaft wird häufig auf zwei Arten erklärt: Einerseits habe sich der Gegenstand – eine Gesellschaft, die in wesentlichen Aspekten von ihrer kapitalistischen Produktions- und Denkweise bestimmt ist – zwar an der Oberfläche, nicht aber seinem Organisationsprinzip nach verändert, das Marx in besonders klaren […]

Wissenschaftliche Mythenbildung

In der kritischen Gesellschaftstheorie gab es lange Zeit einen Allgemeinplatz betreffend der entscheidenden Trennung zwischen Erkenntnis und Verblendung: Dasjenige Denken, welches nur ein unbewusstes organisches Abfallprodukt der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, bleibt der Bestätigung des Bestehenden verhaftet. Nicht in aktiver Affirmation, sondern in der Verschleierung der Wirklichkeit. Es ist Mystizismus. Die Marxschen Feuerbachthesen merkten dazu an, […]

Die Erben des Marxismus: Derridas und Rancières Althusserlektüre

Es lässt sich ein wieder stärkeres, jedoch diffuses, akademisches Interesse an marxistischer Theorie beobachten und vor diesem Hintergrund lebt auch die Diskussion um Louis Althusser wieder auf. Zu Beginn der 1990er Jahre wurde Althusser zuletzt als Kristallisationspunkt marxistischer Gesellschaftstheorie herangezogen und gerade vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse hatte die intern-marxistische Debatte ihre strategische Berechtigung. […]

Aufklärung in postfaktischen Zeiten

Die medialen Kommentare derzeit scheinen sich einig im Bekenntnis, wir lebten in postfaktischen Zeiten: Fake-News, der Triumph der Affekte über die Fakten, Hetze und Verleumdungen im Netz. Von Donald Trumps Wahlkampf bis zu falschen Zitaten Renate Künasts lassen sich deutliche Symptome dessen ausmachen. Der österreichische Bundespräsidentschaftswahlkampf brachte ein besonders drastisches Schlaglicht in diesem Zusammenhang hervor. […]

Sie wissen immer noch nicht was Sie tun. Das falsche Bewusstsein der Sozialphilosophie

Matthias Greffrath und Michael Quante reden über den Entfremdungsbegriff bei Marx. Exposition: 150 Jahre Das Kapital, was hat dieses Werk noch an Relevanz für uns heute? Also: Da Marx, in seiner umfassenden Analyse der Gesellschaft, eigentlich Sozialphilosoph sei, könne man „das Denken von Marx als ein philosophisches Denken reklamieren“[i]. Man spricht über Marx’ Position in […]

Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990

Es wurde insgesamt viel Aufhebens um Philipp Felschs Rekonstruktion der Theoriegeschichte gemacht – und zu Recht, denn es gelingt ihm auf eindringliche Weise, den allgemeinen Trend einer keinesfalls zu unterschätzenden Perspektivenverschiebung nicht nur als abstraktes Postulat, sondern als konkretes Erleben nachzuvollziehen. Anhand der Biografien der Protagonist_innen des Berliner Merve Verlags, vor allem also Peter Gente und […]

Rückkehr und Fortschritt. Didier Eribon und der Zustand der Linken

Als ich jüngst mit linken Freunden und Bekannten ins Gespräch über die Wahl Donald Trumps kam, wurde mir schlagartig klar, in welch desolater Situation wir uns befinden. Unabhängig voneinander äußerte sich bei vielen der letzte Schluss, es helfe wohl nur noch ein Attentat. Nun hatte man sich also der Regression schlussendlich anverwandelt, die man zuvor […]

“denken entlang der Politik”. Zum Begriff des Materialismus bei Max Horkheimer und Louis Althusser

Daniel Hackbarths Ausgangspunkt ist die Nähe zweier gesellschaftstheoretischer Konzeptionen, die über eine grobe Zurechnung zum westlichen Marxismus hinaus selten so klar hervorgehoben wurde. Ursprung dieser Parallelität ist eine geteilte theoretische Herausforderung, die sowohl für Althusser als auch für Horkheimer in der Reaktivierung eines marxistischen Denkens entgegen den erstarrten Konzeptionen des doktrinären Weltanschauungsmarxismus besteht – ohne […]

Was ist das gemeinsame Bezugsproblem der politischen Linken?

Politisch „links stehen“ ist zuallererst eine zutiefst bürgerliche Position – und das ist etwas Gutes.   Das idealistische Erbe der Linken In der Geschichte der menschlichen Gattung hat die Implementierung bürgerlicher Klassenverhältnisse eine Steigerung der Produktion von Gütern mit sich gebracht, die ein gutes Leben für restlos alle Menschen in den Bereich des Möglichen gerückt […]