20 Jahre Goldhagen-Debatte

Die Arbeit an einem zeitgemäßen Begriff de Materialismus muss nicht bei null beginnen. Der Band Das Konzept Materialismus der Initiative Sozialistisches Forum (ISF) dokumentiert Aspekte einer etwas über zwanzig Jahre alten Theoriedebatte, die aus dem Wissensbestand der Gesellschaftstheorie zu verschwinden droht.[1] Gemeint ist die Diskussion um Sinn und Unsinn einer linken Rezeption von Theorien im Anschluss an Michel Foucault, die zwar an vielen Orten in aller Breite, zumindest einigermaßen prominent und pointiert aber vor allem in der Wochenzeitung jungle world geführt wurde.[2]

Ein linker Historikerstreit?

Der damalige Streit begann mit der Publikation eines Buches von Daniel Jonah Goldhagen über die Kooperation breiter Teile der deutschen Mehrheitsbevölkerung am Holocaust.[3] In Form einer „linken Metastase des Historikerstreits“[4], wie es die ISF treffend zusammenfasst, sind daraufhin aus allen möglichen Richtungen Kritiken und Antikritiken rund um die Schuld der Deutschen ins Kraut geschossen. Anstoß in der Linken erregte die theoretische Konsequenz, eine an Klassenkämpfen orientierte Politik allein könne, besonders in Deutschland, die Degeneration von antikapitalistischen zu antisemitischen Einstellungen nicht verhindern.

Besonders ein Band aus dem Elefantenverlag, der Goldhagen gegen Angriffe vor allem auch aus dem Feuilleton in Schutz genommen hat, erregte die Gemüter.[5] Latenter Drehpunkt bei all diesen Debatten war, wie direkt oder indirekt der Antisemitismus der Deutschen aus einer allgemeinen Diagnose über den Kapitalismus erklärt werden kann. Beziehungsweise, in wiefern genau das eben unmöglich sei und folglich auch die Elemente einer bürgerlich-demokratischen und eben kapitalistischen Gesellschaftsform gegen Antisemitismus in Anschlag gebracht werden können und müssen – nichts anderes also scheinbar, als der Konflikt zwischen Antiimperialismus und antideutscher Ideologiekritik, wie er auch heute bekannt ist.

Die ISF und auch andere Publikation des ça ira haben es dabei dankenswerterweise stets vermocht, hinter diesem Konflikt mehr zu erkennen, als „nur“ einen Streit um Antisemitismus. Die wissenschaftliche Frage, die das Dossier 02 des Jahrgangs 1998 der jungle world heimsucht, lautet: Wie muss eine sinnvolle Theorie der Geschichte aussehen, um Praxis anzuleiten?

Eine Frage der Ableitung?

Die seit den Feuerbachthesen bekannte und auch verkannte Lösung auf diese Frage lautete: Eine solche Theorie muss materialistisch beschaffen sein, d.h. sie muss den ablaufenden Wandel von Gesellschaften im weiteren Sinne (also inklusive nicht nur ihrer Produktionsweise sondern auch z. B. der daraus hervorgehenden ideologischen Apparate) beschreiben können und damit erklären, welche Praxisformen nur geeignet sind, eine Rücknahme bereits erreichter Fortschritte einzuleiten, welche Praxisformen der Entwicklung nur nachtraben und welche Praxis schließlich geeignet wäre, Fortschritte weiter zu verallgemeinern bzw. perspektivisch das selbstständige –d. h. aus Sicht der Menschen: unbewusste–Ablaufen der Geschichte durch einen bewussten Prozess zu ersetzen.

Der Holocaust hatte eine solche Vorstellung in Frage gestellt. Es stand zur Debatte, ob es überhaupt noch möglich wäre, gesellschaftlichen Wandel rational –im Sinne von Gesetzmäßigkeiten folgend– zu beschreiben, wenn eine solche Erklärung auch scheinbar Unbegreifliches umfassen müsste. Glücklicher-, oder eben je nach Perspektive: unglücklicherweise, stand zu dem gegebenen Zeitpunkt ein neues Theorieangebot zur Verfügung, das diese Schwierigkeit scheinbar umschiffte: Die Möglichkeit, gesellschaftliche Positionierungen nicht als Ausdruck ihrer materiellen Anordnung, sondern als Diskurs zu begreifen. Im direkten Gegenzug zu der Überlegung, die materiellen Grundlagen von Diskursen zu begreifen, geht es dabei darum, zu untersuchen, wie sich Diskurse materialisieren, so dass sie im Nachhinein als Ergebnis von Verhältnissen erscheinen.

Linke Theorie hatte sich über mehrere teils hausgemachte Probleme derart verwundbar gemacht, dass sie durch solche Überlegungen leicht aus dem Tritt zu bringen war. Darüber gab das Dossier in der jungle world unfreiwillig Auskunft. Die Frage etwa, „Gibt es für den Holocaust eine logische Notwendigkeit?“[6] störte sich gar nicht wirklich daran, dass ausgerechnet der Holocaust logisch erklärt werden soll (wie es die Rhetorik der Ideologiekritik bis heute nahelegt) sondern vielmehr an der Vorstellung, dass es überhaupt logische Notwendigkeiten in der Geschichte gibt. Gesetze, Logik und Geschichte kommen darin nur mehr in Anführungszeichen vor. Die Vorstellung, es sei möglich, eine „Position außerhalb des sozialen Geschehens, von der aus dessen verschleierte Funktionsmechanismen ausgelotet werden können“ zu finden, erscheint den Autor*innen als verächtlich „privilegiert“.[7] Der Diskurs hatte sich bereits sehr weit von einem Konzept Materialismus entfernt, dass seine Begründungen in irgendeiner Weise auf eine materielle Grundlage von gesellschaftlichem Wandel bezieht.

Doppeldegger

Diese Mode der Kontingenz, die sich bis heute hält, erregte besonderen Anstoß, weil sie scheinbar auf Philosophie zurückgeht, die mit dem Holocaust selbst in engster Verbindung steht. Gemeint ist der starke theoretische Bezug solcher linker Erneuerungsversuche mit dem Diskursbegriff auf Martin Heidegger, der wohl ohne viele Umschweife heute wie damals als aufrechter Nationalsozialist bezeichnet werden darf.

Diese berechtigte Empörung darüber, den Holocaust gerade mit dem intellektuellen „Handwerkszeug“ der Täter erklären und bekämpfen zu wollen –und die müßige Frage, inwiefern sich der Nazismus Heideggers in die kritische Diskursanalyse fortführt oder nicht– lenkt aber bis heute von einem viel wichtigeren Problem ab.

Denn die heideggersche Wende in der Linken, sei es in der linguistisch-diskursanalytischen Methode oder im linken Populismus, sind offenbar kein Werk von Heidegger selbst oder einer diffusen Verschwörung gewesen. Der Popularisierung der heideggerschen Denkart lässt sich genau datieren. Sie fällt in eine Zeit, in der der Welt an Theorie wahrlich mangelte. Sie beginnt faktisch mit dem Aufstieg der Diskurstheorie Michel Foucaults.

Dieser Aufstieg geht dabei gerade nicht auf die zweifellose individuelle Genialität Foucaults zurück. Auch Jean-Paul Sartre war als individueller Schriftsteller sehr talentiert, doch seine Art, mit Das Sein und das Nichts an Sein und Zeit anzuknüpfen, ist im Gegensatz zu Foucaults Ansatz restlos untergegangen und spielt heute nirgendwo mehr eine Rolle mehr. Der Unterschied bestand darin, dass sich der eine noch wenigstens de jure dem Marxismus und dem Humanismus verpflichtet fühlte und versuchte, den Existenzialismus als einen solchen auszuzeichnen, während der andere rundheraus durch Desinteresse an dergleichen glänzte, ja das Desinteresse an Theorie und am Begreifen en vogue setzte. Es ist diese Geringschätzung an dem Anspruch, tatsächlich einen Begriff von Gesellschaft zu haben, die sich auch in Thomas Seiberts Einlassung gegen die Kritik des IFS äußert.[8]

Die Abkehr von materialistischer Theorie traf wohl den Nerv der Zeit. Tatsächlich zeigt ein Blick zurück, wie schwierig die Bedingungen vor 1968 waren, Theorie zu machen, welche Deformationen Antikommunismus und Stalinismus an der Erkenntnisfähigkeit der Minderheit hinterlassen hatten, die sich einer Bewusstwerdung der Geschichte annahmen und wie flatterig gerade marxistische Theorie aufgestellt war. Doch nichtsdestotrotz passiert damals ein veritabler Bruch, im Zuge dessen beschlossen wurde, sich dem Ballast des Marxismus lieber ganz zu entledigen, als seine Schwierigkeiten wirklich zu lösen. Bis heute hat sich dieser Modus stilbildend erhalten: Wir stehen vor einem Berg an Literatur, die allerhand Schwächen, Lücken und Leerstellen des Marxismus beweist, ohne jemals sich daran zu machen, diees Probleme wirklich auszuräumen.  Es ist an der Zeit, diesen Bruch von 1968 mit materialistischer Theorie als bewussten Rückzug der Linken von einem umfassenden Theorieprogramm zu begreifen.

Denn die Theorie Foucaults war nie und nimmer eine Ergänzung oder Weiterentwicklung einer marxistischen Fragestellung, sondern mit Ansage ein Abbruch eines materialistischen Gesamtkonzepts der Gesellschaftstheorie. Die Art und Weise, wie dieser Bruch vollzogen wurde, war hochproblematisch – denn an keiner prominenten Stelle wurde über etwaige Gründe dafür Auskunft gegeben. Man möchte fast denken, der Bruch sei damals bewusst so radikal konzipiert worden, dass sich die neuen Antworten Foucaults nicht einmal aus Fragen ergeben durften, die mit einem materialistischen Vokabular denkbar waren. Und tatsächlch ist bis heute keine Antwort auf die Frage in Sicht, welche Probleme in der materialistischen Theoriebildung, die es ja zuhauf gab und gibt, einen so radikalen Bruch mit Lenin, Marx und Hegel nötig machten – auch deshalb, weil die Theoretiker beider Seiten viel öfter damit beschäftigt sind, ihre Vereinbarkeit zu beteuern, statt klarer Grenzen zu markieren. Auch Seibert äußert sich damals ähnlich vage:

„Was Foucault u.a. an Heidegger interessiert hat, war gerade nicht jene Ausstreichung der Differenz von Allgemeinem und Besonderem, von Wesen und Erscheinung, von Sein und Seiendem, die die FreiburgerInnen ihm zuschreiben. Sondern umgekehrt die Weise, in der Heidegger diese Differenz de-struiert, abbaut (was eben nicht heißt: leugnet). Indem er zeigt, wie sie in der Geschichte der europäischen Metaphysik stets in einem “Grund” und einer “Basis” zentriert wird: Idee, Wesen, Gott, Subjekt.“[9]

Das mag sein – und doch darf zurecht gefragt werden, was denn der Sinn darin sein soll, den Fundamentalismus der europäischen Metaphysik aufzuzeigen? In der Auseinandersetzung mit Anhängern der an Foucault orientierten Theorie wird oft entgegnet, es reiche nicht hin, eine Differenz von Marx und Foucault zu zeigen, um damit eine Überlegenheit des ersteren zu beweisen. Das stimmt allerdings. Doch umgekehrt reicht es auch nicht hin, die Kernelemente von Foucaults Theorie zu referieren, um damit allein schon deren Produktivität zu beweisen. Das Unternehmen der postmodernen Metaphysikkritik verbleibt offensichtlich per design ohne eine geordnete Distanzbestimmung zu anderen Formen, sich dem herrschaftlichen Charakter der Philosophie entgegenzustellen. Auch Materialismus und Dialektik waren ja angetreten, eben dieser Herrschaft entgegenzutreten, auch wenn besonders letztere sich dabei eher als Überangsform erwiesen hat, die heute nur noch eine untergordnete Rolle spielt.

Wahrheit in der Geschichte vs. Geschichte der Wahrheit

Die –wir heute also umso klarer sehen können– unbegründete Vermutung, eine Öffnung des Marxismus für Elemente der Diskurstheorie würde der Gesellschaftstheorie neues kritisches Leben einhauchen, bestimmte die Debatte. So steht in einem anderen Part des Dossiers zu lesen:

„Die Unterschiede zwischen Ökonomie, Politik und Kultur wurden ebenso in der alten Weise behandelt wie die bekannte Tradition des strategischen Spekulierens fortgesetzt wurde. Vor allem aber wurden die traditionsmarxistischen essentialistischen und universalistischen Kategorien wie Identität, Subjekt, Entfremdung, Notwendigkeit, Hauptwiderspruch etc. gegen jeden “postmodernen” Einfluss – Diskurstheorie, Ideologietheorie, anti-essentialistischer Feminismus, “Hedonismus”, “Individualismus” etc. – abgedichtet.“[10]

Und es stimmt, diese die Protagonisten dieses „Abdichtens“ bleiben dem Irrtum verhaftet, der Marxismus wäre nicht schon zuvor an allen Ecken und Enden leckgeschlagen. Es besteht heute nach all den Jahren Philologie und Neuer Marx Lektüre gar kein Zweifel mehr darin, dass die usecases der Marxschen Theorie allesamt große Probleme der inneren Kohärenz haben. Das gilt von der Theorie der Lohnarbeit[11], der Theorie der ursprünglichen Akkumulation[12], der Krisen- und Revolutionstheorien[13], der materialistischen Staatstheorie[14] u.v.m. Wir können aber sehen, dass die sogenannte Öffnung des Marxismus –die z. B. in der jungle world eben gegen das Abdichten eingefordert wird– in all diesen Bereichen selbst kaum keine Fortschritte erzielen konnte. Der wenige Fortschritt besteht darin, dass die traditionellen Kategorien zerstört sind, besonders diejenige vom Hauptwiderspruch, die sich allerdings schon im Rahmen eines ernsten Materialismus eigentlich nicht halten lässt.

Kein Zweifel, dass Verlegenheitskonzepte wie der Widerspruch in einer zeitgemäßen Theorie überhaupt nicht viel zu suchen haben und sich schon bei Marx selbst eher einem verhegelten Politikauffassung verdanken und in materialistischen Analysen nur noch eine sehr geringe Rolle spielen können. Auf die Frage, wie verschiedene gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse zusammenhängen, konnte bisher weder der Materialismus, noch die Dialektik noch die Diskurstheorie Antwort geben – mit dem einzigen Unterschied, dass die Unfähigkeit, eine Perspektive auf das Ganze der Geschichte zu entwickeln, für erstere noch ein Problem darstellt und für zweitere zumindest zu Denken gibt, während letztere in der Krise der Totalität einen Befreiungsschlag sieht: endlich ist Kritik nicht mehr auf eine systematische Einordnung in Geschichte angewiesen. Beispielsweise Thomas Lemke stellte diese Neuerung in seinem Beitrag zum Dossier Diskurs essen Linke auf dar, das damals verschiedene Antworten auf die ursprüngliche Kritik des ISF enthielt:

„Foucault ist weder Philosoph noch Historiker, sondern stellt in seiner Arbeit eine Beziehung zwischen Philosophie und Geschichtsschreibung her. Damit verschieben sich die (ursprünglichen) Grenzziehungen zwischen beiden “Disziplinen”: Wenn die Wahrheit eine Geschichte hat, wie kann die Geschichte dann wahr sein?

Diese “Geschichte der Wahrheit” interessiert sich nicht dafür, was die Dinge an sich sind oder wie sie sich historisch verändern, sondern sie fragt danach, wie sie für uns zu einem konkreten historischen Zeitpunkt existieren[…]“[15]

Zugutegehalten werden kann hier allerdings, dass hier so deutlich wie in der Zukunft kaum noch die Differenz einer materialistischen Einstellung und einem Diskursansatz ausgesprochen wurde.[16]

Alfred Schobert schob im selben Dossier auch schon längst eine Vereinbarkeitserklärung nach: „die Pointe, die den verschiedenen Vorschlägen, Goldhagens Buch gegen die Intention des Autors als Diskursanalyse zu lesen, gemein ist; sie alle nämlich fundieren ihre Diskursanalyse materialistisch“, entgegnet Schobert denjenigen, die Vorbehalte gegen eine solche Analyse geltend machen.[17] Gibt es also gar kein Problem? Ist die ganze Debatte letztlich ein non-issue? Doch worin besteht denn das Erkenntnisproblem des Materialismus, wenn er sich andererseits so einfach als materielles Fundament für eine Diskursanalyse zu eignen scheint?

Die Tyrannei des Problems

Vielleicht lässt sich am Ende ein großer Teil der Debatte derart auf die Frage reduzieren, wie kritische Wissenschaft funktionieren soll. Traditionell stehen hier sehr technische Modelle im Vordergrund: Ausgehend von einem bestimmten Problem wird nach einer Formel gesucht, die sich mit den Beobachtungen vereinbaren lässt. Solange dies funktioniert, glauben wir an die Gültigkeit der Theorie, auch und besonders dann, wenn ihre Schlussfolgerungen uns nicht gefallen.

Historisch stellte diese Auffassung einen großen Fortschritt dar: Mathematik, Physik, Biologie, Astronomie etc. sind uns auch deswegen lieb und teuer, weil sie eine Orientierung des menschlichen Denkens anhand der Gesetzmäßigkeiten der Natur symbolisieren. Wir glauben daran, dass die Erde mehr oder weniger regelmäßig um die Sonne kreist, weil die These, es wäre umgekehrt, sich nicht mit unseren Beobachtungen vereinen lässt. Wir glauben daran, weil es wahr ist und weil es das Problem löst, von A nach B zu gelangen.

Diese Feststellung hat der Menschheit gattungsgeschichtlich nicht immer gefallen. Aus heutiger Sicht bewerten wir die Kränkung, die den Menschen wiederfahren ist, als sie realisierten, nicht im Zentrum des Universums zu residieren, als heilsam: Die Zerschlagung des Narzissmus des geozentrischen Weltbilds, der zugleich Ausdruck und Legitimation unterdrückerischer Gesellschaftsformen gewesen zu sein scheint[19], gilt gemeinhin als Fortschritt, weil sich die Lebensqualität aller Menschen scheinbar eindeutig verbessert hat, trotz allem ein Schritt hin zum guten Leben für Alle, die Ur-Forderung der Linken. In alledem führt von einem wissenschaftlichen (mathematischen, astronomischen, soziologischen, …) Problem ein direkter Weg zur Lösung. Und auch der Materialismus denkt, in der überwältigenden Mehrheit seiner Erscheinungsformen, in dieser Weise. Von der „Ableitung“ der Bedingungen des Holocaust, über die „Staatsableitungsdebatte“ zurück bis zum Lenin‘schen „Was tun?“.

Doch was, wenn dieser Form des Denkens, des Ableitens von Lösungen selber nur in einer bestimmten Phase der Geschichte besondere Geltung zukommt? Kann es sein, dass etwa die digitale Veränderung der Welt, die neuen Produktivkräfte, die Natur selbst oder –wie Foucault eben meinte– die „biologische Modernitätsschwelle“ diese Form des Denkens tatsächlich an ihr Ende bringt? Lässt sich dieser Wandel wiederum rational und materialistisch beschreiben? Es scheint, als ob materialistische Theorie auch an dieser Frage nicht vorbeikommt.

  1. Susann Witt-Stahl hat zum 20-jährigen Jubiläum der Goldhagen-Debatte ebenfalls ein längeres Dossier zusammengestellt, das sich aber eher um bewegungspolitische Fragen, bzw. Deutungshoheiten in der Linken dreht, und nicht um ein dahinterliegendes Theorieproblem, vgl. ders. 2016, Metaphysik statt Marx, Junge Welt 04.08.2016, online unter: www.jungewelt.de/artikel/291172.metaphysik-statt-marx.html
  2. Einen Überblick über die Debatte gibt die Redaktion der jungle world selbst, https://jungle.world/artikel/1998/31/whats-left
  3. Vgl. Axel Gablik, Rezension zu: Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Berlin: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/1783-hitlers-willige-vollstrecker_2049, veröffentlicht am 01.01.2006
  4. Initiative Sozialistisches Forum (Hrsg.) 2009 – Das Konzept Materialismus. Pamphlete und Traktate, Freiburg: ça ira, 50
  5. Vgl. Stefan Lembke, Rezension zu: Ulrike Becker / Frank Behn / Clara Fall / Matthias Küntzel / Wladimir Schneider / Jürgen Starck / Klaus Thörner / Rolf Woltersdorf: Goldhagen und die deutsche Linke oder Die Gegenwart des Holocaust Berlin: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/4133-goldhagen-und-die-deutsche-linke-oder-die-gegenwart-des-holocaust_5840, veröffentlicht am 01.01.2006
  6. Regina Behrendt et al. 1998, Gibt es für den Holocaust eine logische Notwendigkeit?, in: jungle world 02/1998, Dossier Goldhagen und die antinationale Linke, online unter: https://jungle.world/artikel/1998/02/gibt-es-fuer-den-holocaust-eine-logische-notwendigkeit
  7. Behrendt et al. 1998, Falsches Bewußtsein oder diskursive Praxis, in: jungle world 02/1998, a.a.O., online unter: https://jungle.world/artikel/1998/02/falsches-bewusstsein-oder-diskursive-praxis
  8. Thomas Seibert 1998, Dialektik und Sophistik, Wozu und wie Kritik geübt wird, in: jungle world 11/1998, Dossier Diskurs essen Linke auf, online unter: https://jungle.world/artikel/1998/11/dialektik-und-sophistik
  9. Ebd.
  10. Behrendt et al. 1998, Feinde des Vaterlandes. Eine kurze Geschichte der antinationalen Linken, in: jungle world 02/1998, a.a.O., online unter: https://jungle.world/artikel/1998/02/feinde-des-vaterlandes
  11. Die keinen haltbaren Begriff von notwendiger und nichtnotwendiger Arbeitszeit bzw. Produktivität und monumentale Probleme wie die Hausarbeitsdebatte nie abschließen beantwortet hat.
  12. Deren Elemente von Zeitgenossen wie David Harvey und Klaus Dörre verwaltet werden, denen aber die Mittel fehlen um Konzepte von Enteignung, Landnahme etc. auf Ebene der Gesamtgesellschaft ernsthaft zu operationalisieren, vgl. z.B. David Harvey 2004, Die Geographie des „neuen“ Imperialismus: Akkumulation durch Enteignung, in: Christian Zeller (Hrsg.) 2004, Die globale Enteignungsökonomie, Münster: Westfälisches Dampfboot, 183-215
  13. Die großen Unruhen an den internationalen Finanzmärkten ab 2007 gingen faktisch vorbei, ohne dass in den imperialen Zentren wesentlicher Widerstand sich geregt hätte.
  14. Deren großer Wurf, Materialismus, die Analysen Gramscis und die Methodologie Foucaults zu vereinen, zwar einen großen Teil des deutschsprachigen state of the art der kritischen Gesellschaftstheorie repräsentiert, jedoch ohne in einer politischen Bewegung Fuß fassen zu können noch gar anzutreten, eine solche anzuleiten.
  15. Thomas Lemke 1998, Relativismus revisited. Foucault, die Genealogie und die Historie, in jungle world 11/1998, a.a.O., online unter: https://jungle.world/artikel/1998/11/relativismus-revisited
  16. Der populäre Einführungsband von Andreas Folkers und Thomas Lemke zu Foucaults Konzept der Biopolitik etwa stellt so gut wie ausschließlich die Genealogie der Biopolitik dar, ohne Foucaults Vorschlag, wie diese angenommene historische Zäsur zu analysieren sei, in Bezug zu anderen Analyseformen zu setzen, allen voran eben dem Materialismus. Das ist prinzipiell berechtigt, doch die Hoffnung, diese ganz andere Frage würde schon an einer anderen Stelle im wissenschaftlichen Betrieb aufgefangen, ist nicht eingetreten, vgl. ders. (Hrsg.) 2014, Biopolitik. Ein Reader, Frankfurt am Main: Suhrkamp
  17. Alfred Schobert 1998, Let’s go, Aufklärer!, in jungle world 11/98, a.a.O., online unter https://jungle.world/artikel/1998/11/lets-go-aufklaerer
  18. Und in diesem Schein liegt eine besondere Schwierigkeit. Was, wenn das Geschichtsbild, moderne Gesellschaften hätten zwar eigene Unterdrückungsformen, insgesamt aber Befreiung mit sich gebracht, nur eingeschränkt zutrifft? Besonders die Herausforderungen materialistisch-feministischer Theorie, die z.B. vorschlagen, die Entstehung des Kapitalismus als Konterrevolution zu interpretieren, i.e. als Reaktion auf eine eben nicht vollständig verachtenswerte und vllt. sogar ‚commonistische‘ Gesellschaftsformen?

von Florian Geisler

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