20 Jahre Goldhagen-Debatte

Die Arbeit an einem zeit­gemäßen Begriff des Mate­ri­al­is­mus muss nicht bei null begin­nen. Der Band Das Konzept Mate­ri­al­is­mus der Ini­tia­tive Sozial­is­tis­ches Forum (ISF) doku­men­tiert Aspek­te ein­er etwas über zwanzig Jahre alten The­o­riede­bat­te, die aus dem Wis­sens­be­stand der Gesellschaft­s­the­o­rie zu ver­schwinden dro­ht.[1] Gemeint ist die Diskus­sion um Sinn und Unsinn ein­er linken Rezep­tion von The­o­rien im Anschluss an Michel Fou­cault, die zwar an vie­len Orten in aller Bre­ite, zumin­d­est einiger­maßen promi­nent und pointiert aber vor allem in der Wochen­zeitung jun­gle world geführt wurde.[2]

Ein link­er Historikerstreit?

Der dama­lige Stre­it begann mit der Pub­lika­tion eines Buch­es von Daniel Jon­ah Gold­ha­gen über die Koop­er­a­tion bre­it­er Teile der deutschen Mehrheits­bevölkerung am Holo­caust.[3] In Form ein­er „linken Metas­tase des His­torik­er­stre­its“[4], wie es die ISF tre­f­fend zusam­men­fasst, sind daraufhin aus allen möglichen Rich­tun­gen Kri­tiken und Antikri­tiken rund um die Schuld der Deutschen ins Kraut geschossen. Anstoß in der Linken erregte die the­o­retis­che Kon­se­quenz, eine an Klassenkämpfen ori­en­tierte Poli­tik allein könne, beson­ders in Deutsch­land, die Degen­er­a­tion von antikap­i­tal­is­tis­chen zu anti­semi­tis­chen Ein­stel­lun­gen nicht verhindern.

Beson­ders ein Band aus dem Ele­fan­ten­ver­lag, der Gold­ha­gen gegen Angriffe vor allem auch aus dem Feuil­leton in Schutz genom­men hat, erregte die Gemüter.[5] Laten­ter Dreh­punkt bei all diesen Debat­ten war, wie direkt oder indi­rekt der Anti­semitismus der Deutschen aus ein­er all­ge­meinen Diag­nose über den Kap­i­tal­is­mus erk­lärt wer­den kann. Beziehungsweise, in wiefern genau das eben unmöglich sei und fol­glich auch die Ele­mente ein­er bürg­er­lich-demokratis­chen und eben kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschafts­form gegen Anti­semitismus in Anschlag gebracht wer­den kön­nen und müssen – nichts anderes also schein­bar, als der Kon­flikt zwis­chen Anti­im­pe­ri­al­is­mus und anti­deutsch­er Ide­olo­giekri­tik, wie er auch heute bekan­nt ist.

Die ISF und auch andere Pub­lika­tion des ça ira haben es dabei dankenswert­er­weise stets ver­mocht, hin­ter diesem Kon­flikt mehr zu erken­nen, als „nur“ einen Stre­it um Anti­semitismus. Die wis­senschaftliche Frage, die das Dossier 02 des Jahrgangs 1998 der jun­gle world heim­sucht, lautet: Wie muss eine sin­nvolle The­o­rie der Geschichte ausse­hen, um Prax­is anzuleiten?

Eine Frage der Ableitung?

Die seit den Feuer­bachthe­sen bekan­nte und auch verkan­nte Lösung auf diese Frage lautete: Eine solche The­o­rie muss mate­ri­al­is­tisch beschaf­fen sein, d.h. sie muss den ablaufend­en Wan­del von Gesellschaften im weit­eren Sinne (also inklu­sive nicht nur ihrer Pro­duk­tion­sweise son­dern auch z. B. der daraus her­vorge­hen­den ide­ol­o­gis­chen Appa­rate) beschreiben kön­nen und damit erk­lären, welche Prax­is­for­men nur geeignet sind, eine Rück­nahme bere­its erre­ichter Fortschritte einzuleit­en, welche Prax­is­for­men der Entwick­lung nur nach­tra­ben und welche Prax­is schließlich geeignet wäre, Fortschritte weit­er zu ver­all­ge­mein­ern bzw. per­spek­tivisch das selb­st­ständi­ge –d. h. aus Sicht der Men­schen: unbe­wusste–Ablaufen der Geschichte durch einen bewussten Prozess zu ersetzen.

Der Holo­caust hat­te eine solche Vorstel­lung in Frage gestellt. Es stand zur Debat­te, ob es über­haupt noch möglich wäre, gesellschaftlichen Wan­del ratio­nal –im Sinne von Geset­zmäßigkeit­en fol­gend– zu beschreiben, wenn eine solche Erk­lärung auch schein­bar Unbe­grei­flich­es umfassen müsste. Glücklicher‑, oder eben je nach Per­spek­tive: unglück­licher­weise, stand zu dem gegebe­nen Zeit­punkt ein neues The­o­rieange­bot zur Ver­fü­gung, das diese Schwierigkeit schein­bar umschiffte: Die Möglichkeit, gesellschaftliche Posi­tion­ierun­gen nicht als Aus­druck ihrer materiellen Anord­nung, son­dern als Diskurs zu begreifen. Im direk­ten Gegen­zug zu der Über­legung, die materiellen Grund­la­gen von Diskursen zu begreifen, geht es dabei darum, zu unter­suchen, wie sich Diskurse mate­ri­al­isieren, so dass sie im Nach­hinein als Ergeb­nis von Ver­hält­nis­sen erscheinen.

Linke The­o­rie hat­te sich über mehrere teils haus­gemachte Prob­leme der­art ver­wund­bar gemacht, dass sie durch solche Über­legun­gen leicht aus dem Tritt zu brin­gen war. Darüber gab das Dossier in der jun­gle world unfrei­willig Auskun­ft. Die Frage etwa, „Gibt es für den Holo­caust eine logis­che Notwendigkeit?“[6] störte sich gar nicht wirk­lich daran, dass aus­gerech­net der Holo­caust logisch erk­lärt wer­den soll (wie es die Rhetorik der Ide­olo­giekri­tik bis heute nahelegt) son­dern vielmehr an der Vorstel­lung, dass es über­haupt logis­che Notwendigkeit­en in der Geschichte gibt. Geset­ze, Logik und Geschichte kom­men darin nur mehr in Anführungsze­ichen vor. Die Vorstel­lung, es sei möglich, eine „Posi­tion außer­halb des sozialen Geschehens, von der aus dessen ver­schleierte Funk­tion­s­mech­a­nis­men aus­gelotet wer­den kön­nen“ zu find­en, erscheint den Autor*innen als verächtlich „priv­i­legiert“.[7] Der Diskurs hat­te sich bere­its sehr weit von einem Konzept Mate­ri­al­is­mus ent­fer­nt, dass seine Begrün­dun­gen in irgen­dein­er Weise auf eine materielle Grund­lage von gesellschaftlichem Wan­del bezieht.

Dop­peldeg­ger

Diese Mode der Kontin­genz, die sich bis heute hält, erregte beson­deren Anstoß, weil sie schein­bar auf Philoso­phie zurück­ge­ht, die mit dem Holo­caust selb­st in eng­ster Verbindung ste­ht. Gemeint ist der starke the­o­retis­che Bezug solch­er link­er Erneuerungsver­suche mit dem Diskurs­be­griff auf Mar­tin Hei­deg­ger, der wohl ohne viele Umschweife heute wie damals als aufrechter Nation­al­sozial­ist beze­ich­net wer­den darf.

Diese berechtigte Empörung darüber, den Holo­caust ger­ade mit dem intellek­tuellen „Handw­erk­szeug“ der Täter erk­lären und bekämpfen zu wollen –und die müßige Frage, inwiefern sich der Nazis­mus Hei­deg­gers in die kri­tis­che Diskur­s­analyse fort­führt oder nicht– lenkt aber bis heute von einem viel wichtigeren Prob­lem ab.

Denn die hei­deg­ger­sche Wende in der Linken, sei es in der lin­guis­tisch-diskur­s­an­a­lytis­chen Meth­ode oder im linken Pop­ulis­mus, sind offen­bar kein Werk von Hei­deg­ger selb­st oder ein­er dif­fusen Ver­schwörung gewe­sen. Der Pop­u­lar­isierung der hei­deg­ger­schen Denkart lässt sich genau datieren. Sie fällt in eine Zeit, in der der Welt an The­o­rie wahrlich man­gelte. Sie begin­nt fak­tisch mit dem Auf­stieg der Diskurs­the­o­rie Michel Foucaults.

Dieser Auf­stieg geht dabei ger­ade nicht auf die zweifel­lose indi­vidu­elle Genial­ität Fou­caults zurück. Auch Jean-Paul Sartre war als indi­vidu­eller Schrift­steller sehr tal­en­tiert, doch seine Art, mit Das Sein und das Nichts an Sein und Zeit anzuknüpfen, ist im Gegen­satz zu Fou­caults Ansatz so gut wie rest­los unterge­gan­gen und spielt heute nir­gend­wo mehr eine Rolle. Der Unter­schied bestand darin, dass sich der eine noch wenig­stens de jure dem Marx­is­mus und dem Human­is­mus verpflichtet fühlte und ver­suchte, den Exis­ten­zial­is­mus als einen solchen auszuze­ich­nen, während der andere rund­her­aus durch Desin­ter­esse an der­gle­ichen glänzte, ja das Desin­ter­esse an The­o­rie und am Begreifen en vogue set­zte. Es ist diese Ger­ingschätzung an dem Anspruch, tat­säch­lich einen Begriff von Gesellschaft zu haben, die sich auch in Thomas Seib­erts Ein­las­sung gegen die Kri­tik des IFS äußert.[8]

Die Abkehr von mate­ri­al­is­tis­ch­er The­o­rie traf wohl den Nerv der Zeit. Tat­säch­lich zeigt ein Blick zurück, wie schwierig die Bedin­gun­gen vor 1968 waren, The­o­rie zu machen, welche Defor­ma­tio­nen Antikom­mu­nis­mus und Stal­in­is­mus an der Erken­nt­n­is­fähigkeit der Min­der­heit hin­ter­lassen hat­ten, die sich ein­er Bewusst­wer­dung der Geschichte annah­men und wie flat­terig ger­ade marx­is­tis­che The­o­rie aufgestellt war. Doch nichts­destotrotz passiert damals ein ver­i­ta­bler Bruch, im Zuge dessen beschlossen wurde, sich dem Bal­last des Marx­is­mus lieber ganz zu entledi­gen, als seine Schwierigkeit­en wirk­lich zu lösen. Bis heute hat sich dieser Modus stil­bildend erhal­ten: Wir ste­hen vor einem Berg an Lit­er­atur, die aller­hand Schwächen, Lück­en und Leer­stellen des Marx­is­mus beweist, ohne jemals sich daran zu machen, diese Prob­leme wirk­lich auszuräu­men.  Es ist an der Zeit, diesen Bruch von 1968 mit mate­ri­al­is­tis­ch­er The­o­rie als bewussten Rück­zug der Linken von einem umfassenden The­o­riepro­gramm zu begreifen.

Denn die The­o­rie Fou­caults war nie und nim­mer eine Ergänzung oder Weit­er­en­twick­lung ein­er marx­is­tis­chen Fragestel­lung, son­dern mit Ansage ein Abbruch eines mate­ri­al­is­tis­chen Gesamtkonzepts der Gesellschaft­s­the­o­rie. Die Art und Weise, wie dieser Bruch vol­l­zo­gen wurde, war hoch­prob­lema­tisch – denn an kein­er promi­nen­ten Stelle wurde über etwaige Gründe dafür Auskun­ft gegeben. Man möchte fast denken, der Bruch sei damals bewusst so radikal konzip­iert wor­den, dass sich die neuen Antworten Fou­caults nicht ein­mal aus Fra­gen ergeben durften, die mit einem mate­ri­al­is­tis­chen Vok­ab­u­lar denkbar waren. Und tat­sächlch ist bis heute keine Antwort auf die Frage in Sicht, welche Prob­leme in der mate­ri­al­is­tis­chen The­o­riebil­dung, die es ja zuhauf gab und gibt, einen so radikalen Bruch mit Lenin, Marx und Hegel nötig macht­en – auch deshalb, weil die The­o­retik­er bei­der Seit­en viel öfter damit beschäftigt sind, ihre Vere­in­barkeit zu beteuern, statt klar­er Gren­zen zu markieren. Auch Seib­ert äußert sich damals ähn­lich vage:

„Was Fou­cault u.a. an Hei­deg­ger inter­essiert hat, war ger­ade nicht jene Ausstre­ichung der Dif­ferenz von All­ge­meinem und Beson­derem, von Wesen und Erschei­n­ung, von Sein und Seien­dem, die die Freiburg­erIn­nen ihm zuschreiben. Son­dern umgekehrt die Weise, in der Hei­deg­ger diese Dif­ferenz de-stru­iert, abbaut (was eben nicht heißt: leugnet). Indem er zeigt, wie sie in der Geschichte der europäis­chen Meta­physik stets in einem “Grund” und ein­er “Basis” zen­tri­ert wird: Idee, Wesen, Gott, Sub­jekt.“[9]

Das mag sein – und doch darf zurecht gefragt wer­den, was denn der Sinn darin sein soll, den Fun­da­men­tal­is­mus der europäis­chen Meta­physik aufzuzeigen? In der Auseinan­der­set­zung mit Anhängern der an Fou­cault ori­en­tierten The­o­rie wird oft ent­geg­net, es reiche nicht hin, eine Dif­ferenz von Marx und Fou­cault zu zeigen, um damit eine Über­legen­heit des ersteren zu beweisen. Das stimmt allerd­ings. Doch umgekehrt reicht es auch nicht hin, die Ker­nele­mente von Fou­caults The­o­rie zu referieren, um damit allein schon deren Pro­duk­tiv­ität zu beweisen. Das Unternehmen der post­mod­er­nen Meta­physikkri­tik verbleibt offen­sichtlich per design ohne eine geord­nete Dis­tanzbes­tim­mung zu anderen For­men, sich dem herrschaftlichen Charak­ter der Philoso­phie ent­ge­gen­zustellen. Auch Mate­ri­al­is­mus und Dialek­tik waren ja ange­treten, eben dieser Herrschaft ent­ge­gen­zutreten, auch wenn beson­ders let­ztere sich dabei eher als Überangs­form erwiesen hat, die heute nur noch eine unter­gord­nete Rolle spielt.

Wahrheit in der Geschichte vs. Geschichte der Wahrheit

Die –wir heute also umso klar­er sehen kön­nen– unbe­grün­dete Ver­mu­tung, eine Öff­nung des Marx­is­mus für Ele­mente der Diskurs­the­o­rie würde der Gesellschaft­s­the­o­rie neues kri­tis­ches Leben ein­hauchen, bes­timmte die Debat­te. So ste­ht in einem anderen Part des Dossiers zu lesen:

„Die Unter­schiede zwis­chen Ökonomie, Poli­tik und Kul­tur wur­den eben­so in der alten Weise behan­delt wie die bekan­nte Tra­di­tion des strate­gis­chen Spekulierens fort­ge­set­zt wurde. Vor allem aber wur­den die tra­di­tion­s­marx­is­tis­chen, essen­tial­is­tis­chen und uni­ver­sal­is­tis­chen Kat­e­gorien wie Iden­tität, Sub­jekt, Ent­frem­dung, Notwendigkeit, Hauptwider­spruch etc. gegen jeden “post­mod­er­nen” Ein­fluss — Diskurs­the­o­rie, Ide­olo­gi­ethe­o­rie, anti-essen­tial­is­tis­ch­er Fem­i­nis­mus, “Hedo­nis­mus”, “Indi­vid­u­al­is­mus” etc. — abgedichtet.“[10]

Und es stimmt, dass die Pro­tag­o­nis­ten dieses „Abdicht­ens“ dem Irrtum ver­haftet bleiben, der Marx­is­mus wäre nicht schon zuvor an allen Eck­en und Enden leck­geschla­gen. Es beste­ht heute nach all den Jahren Philolo­gie und Neuer Marx Lek­türe gar kein Zweifel mehr darin, dass die use­cas­es der Marxschen The­o­rie alle­samt große Prob­leme der inneren Kohärenz haben. Das gilt von der The­o­rie der Lohnar­beit[11], der The­o­rie der ursprünglichen Akku­mu­la­tion[12], der Krisen- und Rev­o­lu­tion­s­the­o­rien[13], der mate­ri­al­is­tis­chen Staat­s­the­o­rie[14] u.v.m. Wir kön­nen aber sehen, dass die soge­nan­nte Öff­nung des Marx­is­mus –die z. B. in der jun­gle world eben gegen das Abdicht­en einge­fordert wird– in all diesen Bere­ichen selb­st kaum Fortschritte erzie­len kon­nte. Der wenige Fortschritt beste­ht darin, dass die tra­di­tionellen Kat­e­gorien zer­stört sind, beson­ders diejenige vom Hauptwider­spruch, die sich allerd­ings schon im Rah­men eines ern­sten Mate­ri­al­is­mus eigentlich nicht hal­ten lässt.

Kein Zweifel, dass Ver­legen­heit­skonzepte wie der Wider­spruch in ein­er zeit­gemäßen The­o­rie über­haupt nicht viel zu suchen haben und sich schon bei Marx selb­st eher ein­er ver­hegel­ten Poli­tikauf­fas­sung ver­danken und in mate­ri­al­is­tis­chen Analy­sen nur noch eine sehr geringe Rolle spie­len kön­nen. Auf die Frage, wie ver­schiedene gesellschaftliche Herrschaftsver­hält­nisse zusam­men­hän­gen, kon­nte bish­er wed­er der Mate­ri­al­is­mus, noch die Dialek­tik noch die Diskurs­the­o­rie Antwort geben – mit dem einzi­gen Unter­schied, dass die Unfähigkeit, eine Per­spek­tive auf das Ganze der Geschichte zu entwick­eln, für erstere noch ein Prob­lem darstellt und für zweit­ere zumin­d­est zu Denken gibt, während let­ztere in der Krise der Total­ität einen Befreiungss­chlag sieht: endlich ist Kri­tik nicht mehr auf eine sys­tem­a­tis­che Einord­nung in Geschichte angewiesen. Beispiel­sweise Thomas Lemke stellte diese Neuerung in seinem Beitrag zum Dossier Diskurs essen Linke auf dar, das damals ver­schiedene Antworten auf die ursprüngliche Kri­tik des ISF enthielt:

„Fou­cault ist wed­er Philosoph noch His­torik­er, son­dern stellt in sein­er Arbeit eine Beziehung zwis­chen Philoso­phie und Geschichtss­chrei­bung her. Damit ver­schieben sich die (ursprünglichen) Grenzziehun­gen zwis­chen bei­den “Diszi­plinen”: Wenn die Wahrheit eine Geschichte hat, wie kann die Geschichte dann wahr sein?

Diese “Geschichte der Wahrheit” inter­essiert sich nicht dafür, was die Dinge an sich sind oder wie sie sich his­torisch verän­dern, son­dern sie fragt danach, wie sie für uns zu einem konkreten his­torischen Zeit­punkt existieren[…]“[15]

Zugutege­hal­ten wer­den kann hier allerd­ings, dass hier so deut­lich wie in der Zukun­ft kaum noch die Dif­ferenz ein­er mate­ri­al­is­tis­chen Ein­stel­lung und einem Diskur­sansatz aus­ge­sprochen wurde.[16]

Alfred Schobert schob im sel­ben Dossier auch schon längst eine Vere­in­barkeit­serk­lärung nach: „die Pointe, die den ver­schiede­nen Vorschlä­gen, Gold­ha­gens Buch gegen die Inten­tion des Autors als Diskur­s­analyse zu lesen, gemein ist; sie alle näm­lich fundieren ihre Diskur­s­analyse mate­ri­al­is­tisch“, ent­geg­net Schobert den­jeni­gen, die Vor­be­halte gegen eine solche Analyse gel­tend machen.[17] Gibt es also gar kein Prob­lem? Ist die ganze Debat­te let­ztlich ein non-issue? Doch worin beste­ht denn das Erken­nt­nis­prob­lem des Mate­ri­al­is­mus, wenn er sich ander­er­seits so ein­fach als materielles Fun­da­ment für eine Diskur­s­analyse zu eignen scheint?

Die Tyran­nei des Problems

Vielle­icht lässt sich am Ende ein großer Teil der Debat­te der­art auf die Frage reduzieren, wie kri­tis­che Wis­senschaft funk­tion­ieren soll. Tra­di­tionell ste­hen hier sehr tech­nis­che Mod­elle im Vorder­grund: Aus­ge­hend von einem bes­timmten Prob­lem wird nach ein­er Formel gesucht, die sich mit den Beobach­tun­gen vere­in­baren lässt. Solange dies funk­tion­iert, glauben wir an die Gültigkeit der The­o­rie, auch und beson­ders dann, wenn ihre Schlussfol­gerun­gen uns nicht gefallen.

His­torisch stellte diese Auf­fas­sung einen großen Fortschritt dar: Math­e­matik, Physik, Biolo­gie, Astronomie etc. sind uns auch deswe­gen lieb und teuer, weil sie eine Ori­en­tierung des men­schlichen Denkens anhand der Geset­zmäßigkeit­en der Natur sym­bol­isieren. Wir glauben daran, dass die Erde mehr oder weniger regelmäßig um die Sonne kreist, weil die These, es wäre umgekehrt, sich nicht mit unseren Beobach­tun­gen vere­inen lässt. Wir glauben daran, weil es wahr ist und weil es das Prob­lem löst, von A nach B zu gelangen.

Diese Fest­stel­lung hat der Men­schheit gat­tungs­geschichtlich nicht immer gefall­en. Aus heutiger Sicht bew­erten wir die Kränkung, die den Men­schen wieder­fahren ist, als sie real­isierten, nicht im Zen­trum des Uni­ver­sums zu resi­dieren, als heil­sam: Die Zer­schla­gung des Narziss­mus des geozen­trischen Welt­bilds, der zugle­ich Aus­druck und Legit­i­ma­tion unter­drück­erisch­er Gesellschafts­for­men gewe­sen zu sein scheint[19], gilt gemein­hin als Fortschritt, weil sich die Leben­squal­ität aller Men­schen schein­bar ein­deutig verbessert hat, trotz allem ein Schritt hin zum guten Leben für Alle, die Ur-Forderung der Linken. In alle­dem führt von einem wis­senschaftlichen (math­e­ma­tis­chen, astronomis­chen, sozi­ol­o­gis­chen, …) Prob­lem ein direk­ter Weg zur Lösung. Und auch der Mate­ri­al­is­mus denkt, in der über­wälti­gen­den Mehrheit sein­er Erschei­n­ungs­for­men, in dieser Weise. Von der „Ableitung“ der Bedin­gun­gen des Holo­caust, über die „Staatsableitungs­de­bat­te“ zurück bis zum Lenin‘schen „Was tun?“.

Doch was, wenn dieser Form des Denkens, des Ableit­ens von Lösun­gen sel­ber nur in ein­er bes­timmten Phase der Geschichte beson­dere Gel­tung zukommt? Kann es sein, dass etwa die dig­i­tale Verän­derung der Welt, die neuen Pro­duk­tivkräfte, die Natur selb­st oder –wie Fou­cault eben meinte– die „biol­o­gis­che Moder­nitätss­chwelle“ diese Form des Denkens tat­säch­lich an ihr Ende bringt? Lässt sich dieser Wan­del wiederum ratio­nal und mate­ri­al­is­tisch beschreiben? Es scheint, als ob mate­ri­al­is­tis­che The­o­rie auch an dieser Frage nicht vorbeikommt.

    1. Susann Witt-Stahl hat zum 20-jähri­gen Jubiläum der Gold­ha­gen-Debat­te eben­falls ein län­geres Dossier zusam­mengestellt, das sich aber eher um bewe­gungspoli­tis­che Fra­gen, bzw. Deu­tung­shoheit­en in der Linken dreht, und nicht um ein dahin­ter­liegen­des The­o­rieprob­lem, vgl. ders. 2016, Meta­physik statt Marx, Junge Welt 04.08.2016, online unter: www.jungewelt.de/artikel/291172.metaphysik-statt-marx.html
    1. Einen Überblick über die Debat­te gibt die Redak­tion der jun­gle world selb­st, https://jungle.world/artikel/1998/31/whats-left
    1. Vgl. Axel Gab­lik, Rezen­sion zu: Daniel Jon­ah Gold­ha­gen: Hitlers willige Voll­streck­er. Berlin: 1996, in: Por­tal für Poli­tik­wis­senschaft, http://pw-portal.de/rezension/1783-hitlers-willige-vollstrecker_2049, veröf­fentlicht am 01.01.2006
    2. Ini­tia­tive Sozial­is­tis­ches Forum (Hrsg.) 2009 – Das Konzept Mate­ri­al­is­mus. Pam­phlete und Trak­tate, Freiburg: ça ira, 50
    1. Vgl. Ste­fan Lem­bke, Rezen­sion zu: Ulrike Beck­er / Frank Behn / Clara Fall / Matthias Küntzel / Wladimir Schnei­der / Jür­gen Star­ck / Klaus Thörn­er / Rolf Wolters­dorf: Gold­ha­gen und die deutsche Linke oder Die Gegen­wart des Holo­caust Berlin: 1997, in: Por­tal für Poli­tik­wis­senschaft, http://pw-portal.de/rezension/4133-goldhagen-und-die-deutsche-linke-oder-die-gegenwart-des-holocaust_5840, veröf­fentlicht am 01.01.2006
    1. Regi­na Behrendt et al. 1998, Gibt es für den Holo­caust eine logis­che Notwendigkeit?, in: jun­gle world 02/1998, Dossier Gold­ha­gen und die anti­na­tionale Linke, online unter: https://jungle.world/artikel/1998/02/gibt-es-fuer-den-holocaust-eine-logische-notwendigkeit
    1. Behrendt et al. 1998, Falsches Bewußt­sein oder diskur­sive Prax­is, in: jun­gle world 02/1998, a.a.O., online unter: https://jungle.world/artikel/1998/02/falsches-bewusstsein-oder-diskursive-praxis
    1. Thomas Seib­ert 1998, Dialek­tik und Sophis­tik, Wozu und wie Kri­tik geübt wird, in: jun­gle world 11/1998, Dossier Diskurs essen Linke auf, online unter: https://jungle.world/artikel/1998/11/dialektik-und-sophistik
    1. Ebd.
    1. Behrendt et al. 1998, Feinde des Vater­lan­des. Eine kurze Geschichte der anti­na­tionalen Linken, in: jun­gle world 02/1998, a.a.O., online unter: https://jungle.world/artikel/1998/02/feinde-des-vaterlandes
    1. Die keinen halt­baren Begriff von notwendi­ger und nicht­notwendi­ger Arbeit­szeit bzw. Pro­duk­tiv­ität und mon­u­men­tale Prob­leme wie die Hausar­beits­de­bat­te nie abschließen beant­wortet hat.
    1. Deren Ele­mente von Zeitgenossen wie David Har­vey und Klaus Dörre ver­wal­tet wer­den, denen aber die Mit­tel fehlen um Konzepte von Enteig­nung, Land­nahme etc. auf Ebene der Gesamt­ge­sellschaft ern­sthaft zu oper­a­tional­isieren, vgl. z.B. David Har­vey 2004, Die Geo­gra­phie des „neuen“ Impe­ri­al­is­mus: Akku­mu­la­tion durch Enteig­nung, in: Chris­t­ian Zeller (Hrsg.) 2004, Die glob­ale Enteig­nungsökonomie, Mün­ster: West­fälis­ches Dampf­boot, 183–215
    1. Die großen Unruhen an den inter­na­tionalen Finanzmärk­ten ab 2007 gin­gen fak­tisch vor­bei, ohne dass in den impe­ri­alen Zen­tren wesentlich­er Wider­stand sich geregt hätte.
    1. Deren großer Wurf, Mate­ri­al­is­mus, die Analy­sen Gram­scis und die Method­olo­gie Fou­caults zu vere­inen, zwar einen großen Teil des deutschsprachi­gen state of the art der kri­tis­chen Gesellschaft­s­the­o­rie repräsen­tiert, jedoch ohne in ein­er poli­tis­chen Bewe­gung Fuß fassen zu kön­nen noch gar anzutreten, eine solche anzuleit­en.
    1. Thomas Lemke 1998, Rel­a­tivis­mus revis­it­ed. Fou­cault, die Genealo­gie und die His­to­rie, in jun­gle world 11/1998, a.a.O., online unter: https://jungle.world/artikel/1998/11/relativismus-revisited
    1. Der pop­uläre Ein­führungs­band von Andreas Folk­ers und Thomas Lemke zu Fou­caults Konzept der Biopoli­tik etwa stellt so gut wie auss­chließlich die Genealo­gie der Biopoli­tik dar, ohne Fou­caults Vorschlag, wie diese angenommene his­torische Zäsur zu analysieren sei, in Bezug zu anderen Analy­se­for­men zu set­zen, allen voran eben dem Mate­ri­al­is­mus. Das ist prinzip­iell berechtigt, doch die Hoff­nung, diese ganz andere Frage würde schon an ein­er anderen Stelle im wis­senschaftlichen Betrieb aufge­fan­gen, ist nicht einge­treten, vgl. ders. (Hrsg.) 2014, Biopoli­tik. Ein Read­er, Frank­furt am Main: Suhrkamp
    1. Alfred Schobert 1998, Let’s go, Aufk­lär­er!, in jun­gle world 11/98, a.a.O., online unter https://jungle.world/artikel/1998/11/lets-go-aufklaerer
  1. Und in diesem Schein liegt eine beson­dere Schwierigkeit. Was, wenn das Geschichts­bild, mod­erne Gesellschaften hät­ten zwar eigene Unter­drück­ungs­for­men, ins­ge­samt aber Befreiung mit sich gebracht, nur eingeschränkt zutrifft? Beson­ders die Her­aus­forderun­gen mate­ri­al­is­tisch-fem­i­nis­tis­ch­er The­o­rie, die z.B. vorschla­gen, die Entste­hung des Kap­i­tal­is­mus als Kon­ter­rev­o­lu­tion zu inter­pretieren, i.e. als Reak­tion auf eine eben nicht voll­ständig ver­acht­enswerte und vllt. sog­ar ‚com­monis­tis­che‘ Gesellschafts­for­men?

von Flo­ri­an Geisler

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