Klasse, Organisation und Determination

Ein Manifest schreiben heißt, sich auf Grundlage eines theoretischen Standpunkts zu organisieren. Die Antifa Kritik & Klassenkampf Frankfurt am Main (AKK) hat mit ihrem Manifest Der kommende Aufprall einen Vorschlag zur Organisation bzw. Umgruppierung linker Kräfte vorgelegt und dabei ausführliche Kritik an anderen Organisationsformen geübt. Zusätzlich wurde der Anspruch der AKK deutlich, diesen Vorschlag so umfassend wie möglich mit theoretischen Überlegungen zum generellen Charakter der kapitalistischen Gesellschaft als zusammenhängendem Ganzen zu untermauern.

Diese Überlegungen sind recht schnell an bekannte Dilemmata und Gretchenfragen der Theorie gestoßen (u. a.: Die Rolle des Staates, die Möglichkeit einer einheitlichen Theorie, die Frage nach programmatischer Klarheit vs. politischer Einheit und das Problem von Reformismus und Radikalismus). Nicht an allen dieser Eckpunkte ist es der AKK gelungen, diese Probleme theoretisch voranzubringen, anstatt sie in vermittelnden Kompromissen zu entschärfen. Zentral ist, dass das anti-orthodoxe Selbstverständnis des Papiers in Widerspruch zu seinem neu aufgelegten Klassenbegriff stehen bleibt.

 

Der organische Gehalt der Zuwendung zu einem orthodoxen Klassenbegriff

 

Die Besonderheit der Zuwendung zum Klassenbegriff, der in dem Papier der AKK zentral ist, wird verständlich vor dem Hintergrund des programmatischen Spektrums in Gestalt der Interventionistischen Linken (iL) und dem …umsGanze!-Bündnis (UG), in dem die AKK speziell als die marxistischere, orthodoxere Alternative fungiert: Sie kritisiert die linksradikale Preisgabe des Klassenbegriffs im UG und grenzt sich von der gemäßigteren symbolorientierten Praxis der iL ab. Entscheidend ist, den Begriff orthodox nicht gemäß dem einstudierten Abwehrreflex als etwas Negatives, als Synonym für einen platten Determinismus oder Reduktionismus zu verstehen. Orthodox ist die Zuwendung zum Klassenbegriff deswegen, weil damit auf eine formale Strenge politischen Denkens innerhalb eines gesamtgesellschaftlichen Zusammenhangs abgezielt wird, die in anderen Begriffen nicht erreicht wird. Orthodox und wünschenswert ist der Klassenbegriff dann, wenn damit nicht nur ein etwas radikaler klingendes Wort für „Schicht“ oder „Milieu“ etc. gemeint ist. Die AKK kommt dem erstaunlich Nahe, wendet sich diesem Aspekt des Klassenbegriffs bewusst zu, schreckt aber mit Verweis auf die notwendige Abgrenzung von jeder Orthodoxie (die schlechte, reduktionistische) vor den Konsequenzen zurück.

Das Papier der AKK beginnt denn auch nicht mit einer solchen begrifflichen Strenge, sondern einigen abgekämpften Standardzitaten über die grundlegende Krisenhaftigkeit kapitalistischer Akkumulation. Eine Reflexion über diese Krisenhaftigkeit müsste ja damit beginnen, dass das Grundgerüst der demokratisch-kapitalistischen Gesellschaft eben trotz der großartigen Akkumulationsprobleme der letzten Jahre so wenig in der Krise steht wie selten zuvor – selbst wenn demokratische Rechte vielerorts eingeschränkt werden, steht kaum irgendwo das Prinzip von Kapitalismus und bürgerlicher Regierung zur Disposition.

Dieser schlecht gewählte Ausgangspunkt zieht sich durch das Papier. Ausgehend von abstrakten Überlegungen zu der auf der Innenseite widersprüchlichen Logik von ökonomischen Begrifflichkeiten (vor allem ausgeführt in Marx‘ Kapital) wird ohne viele Umwege auf die äußere Widersprüchlichkeit und Krisenhaftigkeit von Klassengesellschaften im Ganzen geschlossen. Die Frage, ob kapitalistische Staaten wirklich unweigerlich auf bestandsgefährdende Krisen stoßen müssen (und was es bedeuten würde, wenn dem nicht so wäre) wird nicht offen gestellt, weil das Ziel, dass am Ende eine stärkere Betonung des Klassenbegriffs herauskommen soll, schon zu Beginn festzustehen scheint.

Die Klassenanalyse scheint uns im Papier der AKK deshalb weniger der theoretische Ursprung für eine programmatische Neugruppierung zu sein, sondern nur ein rhetorisches Vehikel für selbige: Es geht der AKK nicht um eine Rückbesinnung auf den Klassenbegriff als ein äußert mächtiges Werkzeug zur Erkenntnis von Ordnungsmustern der Gesellschaft, sondern um eine wirksame Vokabel. Was sich hinter der Zuwendung zu einem vermeintlich marxistischen Klassenbegriff verbirgt, ist weniger eine tatsächliche Frustration mit der theoretischen Unzulänglichkeit der interventionistischen Krisentheorie (die davon ausgeht, dass Krisenzeiten eine gute Gelegenheiten für politische Intervention darstellen, die nur voraussetzt, genügend Menschen aus allen Milieus hinter eben solchen starken Signifikanten zu sammeln) und den Grundlagen des radikalen Reformismus, sondern eher ein dämmerndes Bewusstsein über die eigene Eingebundenheit in ein staatstragendes System organischer Intellektualität.

Der Drang zur Aktualisierung des Klassenbegriffs verstärkt sich in der momentanen Periode, weil die herrschenden europäischen Institutionen beweisen, dass sie in Krisenzeiten nicht mehr gewillt oder genötigt sind, Konsens über politische Hegemonie herzustellen. Stattdessen gehen sie lieber direkt zur Durchsetzung ihrer Notwendigkeiten mit radikalem Entzug von Lebenschancen vor. So hat z. B. der Fall Griechenland gezeigt, dass die europäischen Institutionen weder auf die Zustimmung der lokalen Arbeiter*Innenklasse (in Form ihrer Parteien) noch auf die Zustimmung europäisch sozialisierter Intellektueller (z. B. in Form deutscher Studierender) angewiesen sind. Die philosophische Intelligenz des Zentrums spürt in dieser Situation, dass ihre eigene Verwertbarkeit proportional mit der Kampffähigkeit der Arbeiter*Innenklasse sinkt, spürt also (vielleicht zum ersten Mal seit längerem) eine nicht nur symbolische sondern wirkliche Verbindung zur Gesamtheit der Klassengesellschaft und sucht deshalb aufgeregt die Nähe zu einem orthodoxen Klassenbegriff.

Es ist aber durchaus zu hinterfragen, welche Konsequenzen dieser Flirt mit der Orthodoxie des Klassenbegriffs quasi aus Verlegenheit in sich trägt. Denn schnell stößt die Renaissance des Klassenbegriffs an einen inneren Widerspruch zum anti-orthodoxen und undogmatischen Selbstverständnis einer Linken, deren letzte sozialrevolutionäre Projekte nicht nur trotz, sondern manchmal sogar gerade wegen der Abwesenheit eines strikt klassistischen (d. h. in Parteinahme für eine bestimmte Klasse und in Betonung der politischen Unabhängigkeit von anderen Klassen), antikapitalistischen Moments relativen Erfolg verbuchen konnten. Das stellt die Theorie heute vor ein Dilemma: Will sie mehr als nur beschreibend sein, ist einerseits die rein additive Verbindung von verschiedenen Kämpfen mit dem Klassenbegriff nicht befriedigend (sonst würde auch bei der AKK nicht ständig der Versuch unternommen, von einer Totalität zu reden, die offenbar mehr sein soll als die bloße Summe ihrer Teile). Andererseits schreckt man aber vor einem starken Klassenbegriff zurück, dem man unterstellt, er würde die Partikularitäten unter sich einzuebnen, und nimmt stattdessen diese selbst zum Ausgangspunkt. Dieses Dilemma hatte schon viele Gesichter: Universalität/Partikularität, Totalität/Geschichtlichkeit, Theorie/Praxis, Haupt-/Nebenwiderspruch etc. Es holt auch die AKK ein.

Der Grund für diesen zentralen Widerspruch (von dem wir denken, dass er auch nicht durch Verweis auf die eben immer komplexe Praxis stillgestellt werden kann) liegt nicht darin, dass Gesellschaftstheorie heute weniger möglich ist als in anderen Zeiten, sondern darin, dass linke Theorie es nicht geschafft hat, ein hohes Niveau der Antworten auf die Frage nach dem Verweisungszusammenhang von Totalität und Partikularem, von Ökonomie auf Gesellschaft durchzuhalten. Dieses Durchhalten besteht nun aber genau darin, eine Organisationsform zu finden, die diesen theoretischen Austausch verbindlich organisiert. Das ist etwas anderes als ein plattes Beschwören der Einheit von Theorie und Praxis zum Preis eines kleinsten gemeinsamen Nenners zwischen beiden.

Insofern als die Abgrenzungsbewegung der AKK zum Linksradikalismus und zur gemäßigten Theorie und ihr Organisierungsvorschlag in genau diese Kerbe schlagen will, insofern sie diese Fragen neu stellen will anstatt auf eine weitere inhaltliche Synthese auf dem gleichbleibenden formalen Terrain hinzuarbeiten, insofern sie deshalb die Frage nach Organisation – auch wenn nur von Organisierung gesprochen wird – aufwirft, insofern sie ferner positiv anerkennt, dass eine „orthodoxe“ Strenge der Theorie sich nicht in dialektischem Jargon erschöpfen kann und das Phänomen der Orthodoxie in diesem Sinne nicht nur ein Gespenst der Vergangenheit ist, sondern je nach historischer Situation mal mehr, mal weniger angemessene Lösungen für ein durchweg reales Problem darstellen – insofern also begrüßen wir das Papier sehr.

 

Staatskritik als Vermittlung oder Selektion?

 

Dieses reale Problem zwischen Ernsthaftigkeit der Orthodoxie und Erkenntnisunfähigkeit des Anti-Dogmatismus spiegelt sich konkret in einer Inkonsistenz im Staatsbegriff. Was bedeutet der Ruf der AKK nach „gehörige[r] Delegitimation des Staats“[1]? Der Streit um die Rolle des Staats hat seinen Ursprung u.a. in der Frage nach der richtigen Reaktion auf Krisensituationen.

Ein linker Keynesianismus (der die Kosten einer Krise mithilfe des Staates auf Unternehmen statt auf die Arbeitenden und Erwerbslosen verteilen will) und eine revolutionäre Politik (die den Staat als Schutzmacht der Unternehmen in der gegebenen Form subvertieren und sabotieren will, also z. B. Polizeiapparate auflöst, Grenzen öffnet, [immerhin steuerzahlende] Unternehmen enteignet etc.) schließen sich nicht in jeder Situation aus. Erst wenn es aber (z. B. im Gefolge einer Wirtschaftskrise) wirklich einmal zu einer Konfrontation in dieser Frage kommt, wird die Frage für die Theorie interessant: Es wird dann nämlich eine Theorie nötig, die auf längere Sicht die Wahrscheinlichkeiten für den Erfolg der einen oder anderen Praxis abschätzen bzw. vergleichen kann, sprich, die in der Lage ist, die Verfassung der Gesellschaft insgesamt inklusive ihrer möglichen Bewegungen als Totalität näherungsweise vorherzusagen.

In der Regel wird jedem Ansatz, der in einer solchen Konfliktsituation auf der Determination des staatlichen Überbaus durch die ökonomische Basis pocht, sofort ein dogmatischer Reduktionismus vorgeworfen (beispielsweise Lenin’scher Herkunft). Der Reflex, sich einen solchen Vorwurf zu ersparen, ist entsprechend eintrainiert. Auch die AKK tut leider alles, um sich nur so weit wie möglich von einem solchen Denken abzugrenzen. Dennoch kommt sie nicht darum herum, korrekterweise auf einer Unabdingbarkeit der „funktionierenden Kapitalakkumulation“[2] für staatliches Handeln zu bestehen. Eine scheinbar salomonische Formel, die in ihrer entschärften, weil anti-dogmatischen Verallgemeinerung, allerdings nur noch sagen kann, dass irgendwann demnächst irgendetwas zwischen Entwertung, Rentenkürzung und Faschismus passieren muss, sofern nicht eine sozialrevolutionäre Umwälzung eintritt. Statt aber diese ursprünglich sehr richtige Setzung als Theoriegrundlage ein wenig durchzuhalten kann die AKK in dieser Verallgemeinerung natürlich gar nicht anders, als schließlich auf ein Amalgam aus Habermas‘schem (Stichwort Legitimität von Protest und Legitimationsprobleme des Staats) und postmarxistischem (Stichwort hegemoniale Verschiebungen) Denken zu setzen.

Die AKK scheint einen Mittelweg zwischen beiden gehen zu wollen. Sie will die Legitimationsprobleme des Staates vorantreiben, d. h. an den gesellschaftlichen Mangelerscheinungen ansetzen, die jene Möglichkeit bieten würden, dass die Menschen sich bestenfalls nicht nur ihrer Problem- sondern auch noch einer irgendwie gearteten Klassenlage bewusst werden. Gleichzeitig will sie eine Gegenhegemonie errichten, also linke Weltanschauungsmuster in das kulturelle Alltagsbewusstsein tragen, die mit dem Status Quo nicht kompatibel sind. Durch die Lappen geht dabei der Blick auf den Staat als wirkliche Inkarnation von Hegemonie und Zwang: Einerseits will das Manifest den kapitalistischen Staat als ideologische Instanz präsentieren, der sich für den Weg einer hegemonialen Einbindung der Massen entscheidet, und zu diesem Zwecke darüber richtet, was als legitim gelten kann und was nicht. Derselbe Staat (und dasselbe ideologische Terrain) soll anderseits auch das Spielfeld der partikularen Kämpfe um eine Befreiung aus der ökonomischen Determination bilden. Doch warum sollte der Staat eine solche Intervention zulassen, wenn sein Bestehen aufgrund der angeblichen inneren Widersprüche des Kapitalismus gerade von der Aufrechterhaltung von Legitimation trotz beschleunigtem Abbau von Lebenschancen durch Einsparmaßnahmen abhängt?

Es scheinen, so unsere These, in diesen Inkonsistenzen die Attitüden einer gemäßigten, pro-europäischen, pro-staatlichen Linie einerseits (die die faktischen Erfolge und Handlungsmöglichkeiten nicht ignorieren will) und einer radikalen Linie der Hegemonie-orientierten Denkarten andererseits (wie sie beispielsweise eben unter den Ansätzen einer „radikalen Demokratie“, „radikaler Bedürfnisse“ oder „radikaler Politik“ firmieren), die jeden Staat autonomistisch inspiriert als reinen Feind wahrnehmen, sich gegenseitig unproduktiv zu überlagern. Statt also die Tendenzen, von den sich theoretisch abgegrenzt werden soll, mit einer wirklichen, den eigenen Standpunkt aufhebenden Kritik zu versorgen, erscheint die AKK hier gerade als der ideologische Kitt zwischen beiden Seiten. Das Problem, dass eine scharfe Ablehnung des Kapitalismus als Totalität nicht ohne weiteres mit der partikular erfahrbaren Integrationsleistung kapitalistischer Gesellschaften zusammengeht, wird ‚nur‘ als Organisationsproblem dargestellt. Damit ist die prinzipielle Verbindungsfähigkeit der Kämpfe immer schon unterstellt und somit die theoretische Herausforderung eigentlich verfehlt oder schlimmstenfalls sogar überdeckt.

Weil aber gleichzeitig eine Antwort auf diese Frage von der etablierten Sozialwissenschaft und Politik nicht zu erwarten ist, muss sie stattdessen tatsächlich selbst-organisiert werden und ist also auch ein Organisationsproblem. Und weil diese beiden Achsen der Organisierung an dieser Stelle so eng beieinander liegen ist nicht immer klar, an welcher der beiden Seiten ein Sozialistisches Büro im Sinne des Vorschlags der AKK eigentlich arbeiten soll.

Insofern als sich mit dem Manifest ein erster Schritt dahin abzeichnet, das Phänomen, dass es innerhalb der Linken mit teils guten Gründen so unterschiedliche Auffassungen zum Staat und zur Entwicklungstendenz der (kapitalistischen) Gesellschaft gibt, selbst wieder auf die Tagesordnung von Theorie und Organisation zu setzen, begrüßen wir diesen Schritt sehr. Weil aber damit gleichzeitig die Gefahr verbunden ist, die Theorie in dieser Frage zum Zwecke einer raschen Organisationsbildung weiter zu nivellieren statt offen auszutragen, bringen wir dem Vorgang gleichzeitig eine große Skepsis entgegen.

 

Kritik und Totalität

 

Wir denken, dass die Kategorie der gesellschaftlichen Totalität, auf den das Manifest sich mehrfach positiv bezieht, ein wichtiger Schlüssel dafür sein kann, um diese Widersprüche innerhalb linker Theorie produktiv zu wenden. Auch der Totalitätsbegriff wird im Manifest allerdings eher mystifiziert, wenn er nur bedeuten soll, „dass die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse nicht einfach unvermittelt nebeneinander stehen, sondern Teil einer Totalität sind, die gebunden ist an abstrakte Arbeit, Ware, Mehrwert, Akkumulation, Zweigeschlechtlichkeit, geschlechtlich konnotierte, unentlohnte Reproduktionsarbeit sowie an rassifizierenden Nationalstaat und Imperialismus“[3]. Mystifiziert deswegen, weil das Wesen dieser dreifachen „Bindung“, in der einerseits Individuen in Herrschaftsverhältnisse gebunden werden, diese Verhältnisse dann wiederum in nicht-trivialer Weise an eine Totalität gebunden sind die dann ihrerseits wieder gebunden ist an eine Handvoll der Grundkonstanten von Kapitalismus und Patriarchat, systematisch eine black box bleibt: Was macht die Natur dieser Bindung aus? Wie aktualisiert sie sich?

Ein solcher Begriff von Totalität, der Herrschaftsverhältnisse in Beziehung setzen will zu dem Preis, über das „Medium“ dieser Beziehung nicht mehr viel sagen zu können, erstens seiner Aufgabe nicht wirklich gerecht wird und zweitens eher schlecht als recht mit einem Klassenbegriff zusammenpasst. Der nämlich ist ganz dezidiert gerade Teil des Vorschlags, wie das Wesen dieser Bindung tatsächlich zu benennen und wie dagegen vorzugehen sei. Die These, „dass die gesellschaftliche Totalität nicht im Kapitalverhältnis aufgeht“[4] will schlicht nicht recht mit einem starken Klassenbegriff zusammenpassen. Dennoch ist es mutig und richtig von der AKK, die Frage zumindest aufzuwerfen, worin sie denn aufgeht – auch wenn eine überzeugende Antwort vorerst noch ausbleibt. Wir glauben allerdings dennoch, dass hier dem Kapitalbegriff unnötig eine Essenzialisierung untergeschoben wird, nur um sie dann im selben Atemzug zu kritisieren – eine Operation, die nur dazu geeignet scheint, gerade von dem wesentlichen Element der Kategorie der Totalität abzulenken: Der Determination.

 

Determination oder Dispositiv?

 

An diesem Punkt laufen die praktischen Inkonsistenzen auf ihre theoretische Grundlage zu, in der sie bereits angelegt sind. Der Mechanismus, der den partikularen Kämpfen ihre klassenbewusste Kopplung verleihen soll, ist der explizite Verweis auf die gesellschaftliche Totalität. Dieser Gesamtzusammenhang ist jedoch theoretisch fragwürdig: So emphatisch er von der AKK als ein bestimmter in Stellung gebracht wird, so hartnäckig wird darauf beharrt, er sei keinesfalls ein bestimmender. Es findet sich darin die Nachwirkung eines weitverbreiteten Allgemeinplatzes, der jedes Denken der Determination auf einen schlechten Determinismus reduziert. Von rechten Vorwürfen des Reduktionismus, der Metaphysik, bis zur innerlinken Auseinandersetzung um Haupt- und Nebenwiderspruch und den Fleißübungen im Antidogmatismus – seit Langem wird der kategorische Ausschluss einer Dimension der Totalität der Verhältnisse als Teilnahmebedingung am theoretischen wie politischen Diskurs gesetzt. Aber auch da, wo ein Totalitätsanspruch wieder behauptet wird, im Manifest der AKK, ist er um sein eigentliches Merkmal gebracht, als nicht-deterministische Totalität und damit, in letzter Konsequenz, als eine tautologische Beschreibungskategorie: Alles was ist, ist alles was ist.

Der entscheidende marxistische Punkt aber ist, die Totalität als ein Determinationszusammenhang zu begreifen. Wenn entschieden wird, von der Totalität des Kapitalverwertungsprozesses zu sprechen, dann ist damit die These ausgesprochen, dass die zentrale Eigenschaft dieses Prozesses – die Trennung der Arbeitenden von der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel – für alle anderen Eigenschaften und Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus prinzipiell verantwortlich ist. Eine solche Annahme eines bestimmenden Gesellschaftszusammenhangs ist voraussetzungsreich und kann natürlich verworfen werden. Nicht sinnvoll erscheint es uns aber, diese These einerseits explizit zu verwerfen und andererseits den Klassenbegriff trotzdem als nicht-determinierendes, sozusagen dynamisches Modell sozialer Schichtung mitzuschleifen.

Das Unbehagen vor einem solchen vermeintlich deterministischen Totalitätsbegriff vergisst leicht, dass wir den ‚kritischen‘ Impuls gegenüber einem totalitären Denken weder postmarxistischer Theoriebildung, antiautoritärer Bewegung oder gar den reaktionären Kritiken verdanken – er ist vielmehr der Kern des Marxismus seit Anbeginn. Marx’ Kritik an Hegels Theorie der Totalität der bürgerlichen Gesellschaft als eine idealistische Abstraktion, legte ihm den Grundstein für eine materialistische Analyse, die in der Kategorie der Totalität nicht den Determinationszusammenhang verwarf, sondern diesen in seiner realen Ausprägung erfasste. Kapital als Totalitätsbegriff ist nicht als Mystifikation, sondern als Abbildung der Realität konzipiert, und das macht Marx zum ersten Anti-Dogmatiker überhaupt, dessen theoretische Geste der Grundimpuls jener folgenden marxistischen Theorieangebote war.

Es ist mithin verwunderlich, die dezidiert marxistische Kategorie der Determination mit der Kritik am Determinismus zu verwerfen, zu der sie zu allererst selbst angetreten war. Aber jener Schritt ist im zeitgenössischen Anti-Dogmatismus dermaßen internalisiert, dass selbst der aufgeklärte Versuch, sich von derlei Missverständnissen in eine Aktualisierung des Klassenbegriffs zu befreien, davon kontaminiert bleibt. Das zeugt von einem theoretischen Defizit, dessen Folgen nicht unbeachtlich sind, verlagert sich doch der Fallstrick des theoretischen Idealismus (abstrakte Totalität) in die praktische Wirkungslosigkeit.

Daher bleibt auch die Frage nach dem Verhältnis zum Staat in einer idealistischen Zwischenlösung: Der Staat ist Ausdruck einer bestimmten Totalität der Verhältnisse, aber er soll für die Kämpfenden zugleich für Veränderungen erreichbar sein. Um diesen widersprüchlichen Anforderungen gerecht zu werden, wurde im Windschatten der Öffnung des Marxismus um den Mai 1968 von Michel Foucault das Konzept des Dispositivs erfunden: eine Art strategischer Knoten im Netz des Diskurses. Der Trick dabei ist, eine Analyse auf Makroebene ihrem übergreifenden Determinationszusammenhang zu entreißen, um sie damit dem mikropolitischen Widerstand zugänglich zu machen. Hier findet sich der Archetyp der Sehnsucht nach einer pragmatischen Mitte, deren Konsequenzen auch die AKK betreffen. Denn der Klassenbegriff, so wie er im Manifest erscheint, fungiert genau als ein solches Dispositiv – und seine Differenz zu einem marxistischen Klassen-, Staats- und Krisenbegriff im Geiste der Determination (also ein solcher, der real unterschiedliche Standpunkte nicht durch die Forderung nach einem gemeinsamen Standpunkt unterdrückt, sondern ein Angebot darstellt, die tatsächlichen Gemeinsamkeiten der Standpunkte herauszuschälen) ist eine entscheidende: Er ist zwar eine konstruierbare Klammer für unterschiedliche Kämpfe, aber gibt genau damit den Anspruch auf, die reale Klammer zu sein.

Die Ernsthaftigkeit der Unternehmung der AKK müsste sich nun daran messen lassen, ob es gelingt, die Organisationsfrage des SB auf dieses grundlegende und reale Dilemma zu beziehen. Nehmen wir nun den Widerspruch zwischen radikalreformerischer Staatskritik und ihrer revolutionären Unmöglichkeit einmal an, so lautet die konsequente Frage: Wie würde sich ein SB in einer solchen Konfliktsituation verhalten? Nach welchen Kriterien bestimmt ein SB, wie staatstragend bzw. wie sozialdemokratisch eine Gruppierung sein ‚darf‘, um am Kommunikationsnetzwerk des SB teilhaben zu können? Nach welchen Gesichtspunkten kann ein SB entscheiden, wie mit der Staatsfrage weiter umzugehen ist? Wie unterscheidet das SB zwischen stringenter Formanalyse des Staates und Sektierertum? Wie bindet das SB wissenschaftliche Untersuchungen arbeitsteilig ein, ohne sich dem Intellektuellenbetrieb preiszugeben? Das sind die wichtigen Fragen, die es für ein solches Büro ganz konkret zu stellen gilt. Die Vermutung liegt nahe, dass die Realität der kapitalistischen Totalität die undogmatischen Organisationsstrukturen nicht verschont, so subversiv sie sich auch bemühen, den Gesamtzusammenhang in handliche Dispositive zu zerlegen. Sollte es darauf unbefriedigende Antworten geben, so liegt der Schluss nahe, dass diese schon in der theoretischen Schwäche angelegt sind, das Bekenntnis zur gesellschaftlichen Totalität nicht als Bekenntnis eines gesellschaftlichen Determinationszusammenhangs zu begreifen.

 

Fazit

 

Es ist der Verdienst der AKK, im Rahmen der Suche nach einer Antwort auf die Organisierungsfrage auch die Auseinandersetzung um einen Totalitätsbegriff wieder anzustoßen, die da automatisch notwendig wird, wo der Klassenbegriff zu einer sinnvollen Geltung kommen soll. Dazu gehört auch eine schonungslose Befragung des kategorischen Anti-Dogmatismus.

Das Manifest ist dazu ein wichtiger Schritt. Die Debatte, was eine angemessene Organisationsform ist, ist mit dem Manifest erneut ausgerufen und real. Bis auf weiteres aber, d. h. solange dieser Umbau weiterhin geschieht, wäre es wünschenswert, dass das Manifest als Strategiepapier anfängt, eine gewisse Verbindlichkeit auszustrahlen. Die AKK wäre möglicherweise gut damit beraten, nicht vor den Konsequenzen der eigenen theoretischen Arbeit zurückzuschrecken und ihre Rolle als Theoriearbeiter*innen ernst zu nehmen. Das hieße gerade die Verantwortung für einen Master-Plan zu übernehmen, die leider bereits in der Einleitung zu ihrem Papier zurückgewiesen wird.

 

von Florian Geisler und Alex Struwe

 

Der Beitrag erschien zuerst in Diskus. Frankfurter Student_innen Zeitschrift, 55 (2), 46–51.

 

[1] Ebd., 4

[2] Ebd., 4

[3] Ebd., 10f

[4] Ebd. 10

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